Das Publikum des Galaabends habe "mit Murren" reagiert, notierte der erstaunte Reporter der Neuen Zürcher Zeitung. Erst als der Festredner den Spitzen von Staat und Gesellschaft versicherte, er wolle nicht richten, sondern lediglich berichten, habe sich doch noch "erleichterter Applaus" eingestellt.

Ein Abend erhabener Töne und großer Stimmen. Ein Abend, ganz nach dem Geschmack der Kulturnation. Und dennoch auch ein Abend, an dem einige offene Worte fielen, die diesen Geschmack wohl nicht ganz trafen. Staatsopern-Direktor Ioan Holender, der die Festrede anlässlich des 50-Jahre-Jubiläums der Wiedereröffnung seines Hauses nach dem Krieg hielt, erinnerte an Ereignisse, an die zu erinnern mittlerweile bei vergleichbaren Anlässen zum guten Ton gehört, selbst wenn das Publikum nicht daran erinnert werden möchte. Er sprach von einem "gleitenden Übergang" in der ersten Nachkriegsdekade und veranschaulichte seine Beurteilung des Epochenwechsels an der Person von Karl Böhm. Der Maestro aus Graz war der letzte Staatsopern-Direktor der NS-Ära und der erste der Zweiten Republik gewesen.

Nicht dass dieses Faktum eine historische Enthüllung gewesen wäre. Umso erstaunlicher ist es, dass nun Karlheinz Böhm, der verdiente Sohn des berühmten Dirigenten, in einem Interview mit dem Magazin profil harsch fordert, Holender möge "den Mund halten", als habe der derzeitige Staatsopern-Direktor einen seiner Vorgänger unverdientermaßen in den Dreck gezerrt. Das hat er nicht. Im Gegenteil: Er beschränkte sich auf eine vornehme Minimalformulierung.

Karl Böhm war ein in beiden Epochen gleichermaßen von den Eliten umworbener Künstler, selbst wenn einer der Hauptverantwortlichen der nationalsozialistischen Kulturpolitik in Wien, Walter Thomas, in seinen Lebenserinnerungen behauptete, Hitler habe Böhm für einen zweitrangigen Dirigenten gehalten. Mag sein. Aber in einen Widerstandskämpfer oder ein subversives Element im pompösen Kulturbetrieb des "Dritten Reiches" verzaubert ihn das abschätzige Urteil des glühenden Wagnerianers keinesfalls. Karl Böhm war, wie Furtwängler, Karajan, Knappertsbusch oder Krauss, eine der kulturellen Stützen des Regimes, und sein Name findet sich folgerichtig auch auf der so genannten "Gottbegnadeten-Liste", die eine kleine Gruppe der insgesamt 140000 Mitglieder der Reichskulturkammer 1944 vor dem totalen Kriegseinsatz an der Front oder in Rüstungsbetrieben bewahrte. Nur der fortschreitende Zusammenbruch des Regimes verhinderte, dass Böhm in diesem Jahr zu seinem 50.Geburtstag mit dem Titel Generalintendant ausgezeichnet wurde. Er bekam stattdessen lediglich das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse ohne Schwerter verliehen. Eher eine Dutzendware der Dekoration.

Gewiss, der heute neuerlich umstrittene Dirigent war weder ein antisemitischer Plärrer noch ein Sprachrohr der braunen Bonzen. Bloß ein Dienstfertiger, der, wie so viele aus dem Reich der Musen, dem barbarischen Regime zur Verfügung stand, um sowohl der Welt als auch dem eigenen Volk eine kultivierte Fassade vorzugaukeln. Ob aus Überzeugung oder Opportunismus, das ändert heute wenig an den historischen Tatsachen.

Bereits 1933, gleich nach der "Machtergreifung", wurde Böhm die Leitung der Dresdner Oper anvertraut. Er war in führender Funktion im "Kampfbund für deutsche Kultur" tätig, faselte in Fachzeitschriften, der "Weg der heutigen Musik" bestehe in "Entsentimentalisierung". 1941, als seine Berufung nach Wien bereits feststand, prägte er mit seinem "neuen Stil" die braune Wiener Mozartwoche, die Minister Goebbels als große Kulturpropaganda-Show inszenierte.