Besser als ihr Ruf

Wenn Politiker von der Zukunft des Bildungssystems sprechen, steht das Thema Weiterbildung ganz oben auf der Agenda. In einer alternden Gesellschaft, der irgendwann die Fachleute auszugehen drohen, müsse "lebenslanges Lernen" zur Selbstverständlichkeit werden. Nur mit permanenter Weiterbildung, heißt es in Sonntagsreden, könne Deutschland im Wettbewerb um die besten Köpfe bestehen.

Die Praxis sieht anders aus. Noch nie seit der Bildungsexpansion in den siebziger Jahren steckte das System der beruflichen Weiterbildung in einer Krise wie heute. Die öffentlich geförderte Weiterbildung arbeitsloser und von Arbeitslosigkeit bedrohter Menschen, der wichtigste Sektor der Branche, hat einen beispiellosen Kahlschlag hinter sich. Nach Angaben des Bundesverbandes der Träger beruflicher Bildung (Bildungsverband) haben seit 2003 etwa 30000 Beschäftigte bei Weiterbildungsträgern ihren Job verloren. Längst produziert die Branche selbst in großem Umfang das, was sie eigentlich bekämpfen will: Arbeitslosigkeit. Weniger düster sieht es bei der betrieblichen Weiterbildung aus, die zum großen Teil von Wirtschaftsunternehmen bezahlt wird, wenngleich die schwache Konjunktur auch hier Schleifspuren hinterlassen hat. Der dritte Sektor, Privatzahler, die selbst in die Tasche greifen, ist hierzulande nur schwach entwickelt.

"Nach der Wende ist Hinz und Kunz qualifiziert worden"

Schuld an der Misere sind vor allem die Hartz-Reformen und die immer restriktiveren Budgetvorgaben der Bundesagentur für Arbeit (BA). "Öffentlich geförderte Umschulungen und Qualifizierungsmaßnahmen haben einen Tiefpunkt erreicht", sagt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Faulstich. Viele Träger kämpften immer noch gegen eine drohende Insolvenz, ergänzt Peter Rother, Sprecher des Bildungsverbandes. Nach einer Analyse der Lünendonk-Marktforschung in Bad Wörishofen ist der Markt der Weiterbildung allein 2004 um rund sieben Prozent auf ein Volumen von sechs Milliarden Euro geschrumpft. Auch für das laufende Jahr erwarten die führenden Weiterbildungsunternehmen eine weitere, wenn auch verlangsamte Talfahrt.

Die deutsche Weiterbildungslandschaft ist schwer überschaubar. Laut Faulstich tummeln sich hier etwa 30 000 Anbieter, vom Einzelkämpfer bis zu großen Anbietern mit mehreren hundert Mitarbeitern. Das Spektrum reicht vom einfachen Computerlehrgang bis zur kompletten Umschulung mit IHK-Abschluss, umfasst öffentliche Seminare wie firmeninterne Veranstaltungen, Qualifizierungsberatung und Trainings oder Coachings. Vor allem gemeinnützig tätige Komplettanbieter wie die der Gewerkschaft ver.di nahe stehende Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) haben schwere Zeiten hinter sich. Deren Umsatz brach von 240 Millionen Euro im Jahre 2002 auf jetzt 110 Millionen Euro ein und schrumpft weiter. Bis 2006 soll die Zahl der Mitarbeiter von einst 2000 auf etwa 900 sinken. "Wir wären längst pleite, wenn wir nicht die Kosten radikal gesenkt hätten", sagt Karl-Heinz Brezinski, Geschäftsführer der DAA. Vor allem freie Dozenten leiden unter dem Preiskampf und müssen sich mit kärglichen Honoraren zufrieden geben.

Ein Auslöser der Misere war eine wissenschaftliche Studie, mit der die angebliche Wirkungslosigkeit öffentlich geförderter Weiterbildungsmaßnahmen belegt wurde. Der Wirtschaftsforscher Michael Lechner, damals Mitarbeiter am Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), wollte herausgefunden haben, dass Arbeitslose in Ostdeutschland ohne Weiterbildung bessere Chancen am Arbeitsmarkt besäßen als Leute, die von der Arbeitsagentur bezahlte Kurse besucht hatten. Das Ergebnis war Wasser auf die Mühlen der Kritiker öffentlich geförderter Weiterbildung. Parteien wie die FDP und die Medien nahmen die "Arbeitslosenindustrie" unter Beschuss, die Milliarden an Steuergeldern für sinnlose Qualifizierungsmaßnahmen ausgebe.

Dass gerade im Osten bei der Bewältigung des Arbeitslosenproblems mit der Allzweckwaffe Weiterbildung auch Fehler gemacht wurden, lässt sich nicht leugnen. "Da ist Hinz und Kunz qualifiziert worden. Und manches war fehlgeleitet", sagt eine Sprecherin der Arbeitsagentur. Die Republik lästerte etwa über eine Floristenschwemme in den neuen Bundesländern. "Warum die alle ausgebildet worden sind, weiß heute keiner mehr." Politik und Arbeitsagentur reagierten auf die öffentliche Kritik, indem Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen stark zurückgefahren wurden. Um den Wettbewerb unter den Trägern zu fördern, wurden so genannte Bildungsgutscheine eingeführt, mit denen sich BA-Klienten den jeweiligen Kursanbieter selbst aussuchen können. 2003 beschloss die BA zudem, nur noch solche Weiterbildungen zu finanzieren, die eine Erfolgsquote von 70 Prozent versprechen. Inzwischen ist die Zahl der Teilnehmer an öffentlich geförderter Weiterbildung von mehr als 700000 zu den Hoch-Zeiten nach der Wiedervereinigung auf heute unter 100000 gesunken. Im Jahr 1992 gab die Behörde noch rund 9 Milliarden Euro für Kurse und Unterhaltsgeld aus – Ersatz für den während der Kursteilnahme entgangenen Lohn. Im Vorjahr waren es gerade mal 3,5 Millionen Euro. Aktuell kommt noch das Chaos bei der Einführung von Hartz IV auf kommunaler Ebene hinzu, das den Abfluss der vorhandenen Mittel bremst.

Besser als ihr Ruf

Mittlerweile hat Lechner, der heute an der Universität St. Gallen lehrt, seine Einschätzungen relativiert. Eine neue Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit zeichnet ein weitaus freundlicheres Bild von der öffentlich bezahlten Qualifizierungsoffensive im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Langfristig, so die Botschaft, lohne sich berufliche Weiterbildung durchaus. Zwar sinke während der Umschulungen zunächst die Wahrscheinlichkeit, eine neue Stelle anzutreten. Nach mehreren Jahren überwögen jedoch die positiven Effekte. Vor allem längere Fortbildungen erhöhen laut der Studie die Wahrscheinlichkeit, einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen, signifikant. Ironischerweise wird momentan aber gerade bei den zeitintensiven Umschulungen geknausert. Grund: Wechselt ein ehemaliger Empfänger von Arbeitslosengeld I nach einem Jahr in die Gruppe der Alg-II-Empfänger, muss die Arbeitsagentur einen so genannten Aussteuerungsbetrag an den Bundeshaushalt zahlen. Kosten für eine Weiterbildung übernimmt die Agentur deswegen nur, wenn eine anschließende Beschäftigung noch vor einem Wechsel ins Alg II wahrscheinlich scheint.

Der Trend geht zu kürzeren Angeboten

Die betriebliche Weiterbildung ist von den politischen und ökonomischen Stürmen relativ unberührt geblieben. Neuere Zahlen stehen zwar noch aus, doch zeigt eine 2003 vom IAB veröffentlichte Umfrage, dass vor allem große Unternehmen viel für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter tun. Nachholbedarf gebe es allerdings bei kleinen und mittleren Betrieben. "Das Bewusstsein, dass man auch in schwierigen Zeiten an der Weiterbildung der Mitarbeiter nicht sparen darf, ist vorhanden", meint Claudia Büttner, Sprecherin des freien Kongress- und Seminarveranstalters Euroforum. Das Düsseldorfer Unternehmen, das vor allem Managerseminare anbietet, wächst stetig. "Weiterbildung ist kein Auslaufmodell, im Gegenteil", sagt Büttner. Dass auch große gemeinnützige Träger im aktuellen Existenzkampf bestehen können, zeigt das Berufliche Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft (bfz). Der Weiterbildungsträger hat Standbeine wie Schulsozialarbeit oder Zeitarbeit ausgebaut und so die Rückgänge öffentlicher Mittel kompensiert.

Im Gegensatz zu anderen Ländern spielen Selbstzahler in Deutschland eine Nebenrolle. "Dieser Sektor ist noch erschreckend unterentwickelt", sagt Bildungsverbandssprecher Rother. Weiterbildungsexperte Faulstich erwartet allerdings, dass gerade dieser Bereich zulegen werde. Der Trend gehe überdies zu kürzeren Weiterbildungsangeboten, die stärker auf das jeweilige Unternehmen zugeschnitten sind. Außerdem werde das von den Betrieben als kostensparend angesehene E-Learning am Arbeitsplatz immer wichtiger. Neue Dynamik erhält der Weiterbildungsmarkt auch durch die Umstellung der Hochschulabschlüsse auf Bachelor und Master. Mittlerweile gibt es schon mehr als hundert nur für die Weiterbildung reservierte BA- und MA-Abschlüsse.

Den Niedergang öffentlich geförderter Qualifizierungsmaßnahmen findet Faulstich verhängnisvoll, zumal immer stärker das "Matthäus-Prinzip" dominiere ("Denn wer da hat, dem wird gegeben"): Die ohnehin schon qualifizierten Mitarbeiter nähmen häufiger an Weiterbildungen teil als weniger qualifizierte. Schon aus sozialen Gründen handele es sich bei der öffentlichen Förderung aber keineswegs um ein Milliardengrab, meint Faulstich und resümiert lakonisch: "Der Nachweis besserer Alternativen steht aus."