Heute also Buchholz. Ortsteil Holm-Seppensen. Eine Straße führt durch den Wald. Hinten ist die Mühle. Vorn die Kreuzung, zwei Kilometer sind es bis Schierhorn, vier bis Inzmühlen, neun bis Hanstedt. Das ist die Nordheide. Heute ist Buchholz, Morgen kommt Kiel:... BILD

Die Buchhändlerin hier ist eine kleine, vor Ungeduld auf den Zehen wippende Frau. Sie hält Ausschau. Drinnen sitzen die Buchholzer Bürger. Ein ortsansässiger Arzt mit musikalischen Neigungen vertreibt ihnen die Zeit am Flügel. Seine Frau nimmt noch Veränderungen vor am Buffet, der Herr vom Kunstverein an den Pointen seiner Einführung. Gestern war Daniel Kehlmann in Stuttgart, morgen wird er in Kiel sein.

Als er aufbrach, war Sommer. Er war ein junger Autor, der ein neues Buch geschrieben hatte und sich auf den Weg machte, es dem ganzen Land vorzulesen. Jetzt ist Herbst, viele Dörfer und Städte hat Daniel Kehlmann gesehen, und jetzt ist er ein Star.

Die Vermessung der Welt ist ein großer Erfolg. Die Leute lieben das Buch, und die Rezensenten lieben es auch. Hat irgendwer was Schlechtes geschrieben? Platz zwei der Bestsellerliste. Bald Platz eins. Kehlmann ist dreißig. Es ist sein sechster Roman. Er hat früher auch die leeren Säle gesehen und den leeren Stühlen vorgelesen. Jetzt kommen zu den Lesungen mehr Leute, als Platz finden, er hat mehr Einladungen erhalten, als er annehmen konnte. Wenn man ihn fragt: »Sind Sie ein Wunderkind«, sagt er, dafür sei er zu alt: »In meinem Alter hat Hegel schon an der Phänomenologie des Geistes gearbeitet, und Lessing hatte seine erste Werkausgabe veröffentlicht.«

Mit vor Aufregung leicht geröteten Wangen läuft die Buchhändlerin auf und ab. Sie trägt heute eine Jacke mit lustigem Pelzkragen. Sie hat Kehlmann eingeladen. Sie sagt: »Gauß und Humboldt, das schreit geradezu nach Mühle.«

Er hat das kurze, feine Haar eines Kindes und sonderbar große Augen

Man muss wissen, dass die Menschen von Buchholz vor ein paar Jahren eine bürgerliche Anstrengung unternommen haben, die Mühle wiederaufzubauen, eine alte Wassermühle, mit rauschendem Bach und eindrucksvollem Mahlwerk. Der örtliche Kunstverein veranstaltet in diesem Denkmal einer erfindungsreichen Zivilisation wiederkehrend Kulturabende. Für heute haben sie sich Kehlmanns Forscher der deutschen Klassik vorgenommen: den Mathematiker Gauß, den Entdecker Alexander von Humboldt; zwei Reisende am Aufbruch der Moderne; der eine mit den Gefährten im Kanu seiner Neugier unterwegs auf den Flüssen des Unbekannten, an deren Ufern das Unterholz so dicht ist, dass man nicht an Land gehen kann, sammelnd, messend, wiegend; der andere auf einer einsamen Expedition in der kühlen Weite des reinen Gedankens, hin und wieder bestürzt innehaltend, ob es erlaubt sei, das von Gott aus Raum und Zeit gewirkte Gewebe des Seins mit der Schärfe des Verstandes zu zerlegen, Faden für Faden. Und wenn man sich das einmal überlegt, versteht man, warum der Schriftsteller Kehlmann seinen Gauß am Ende weiter reisen lässt als seinen Humboldt.

Kehlmann kommt, ein schlanker junger Mann von mittlerer Größe, dunkel gekleidet, mit dem kurzen, feinen Haar eines Kindes, einer freien Stirn und sonderbaren großen Augen. Der Herr vom Kunstverein sagt sinnreiche Worte zu Autor und Werk, macht darauf aufmerksam, dass zur Gaußschen Auswahl der für die dänisch-hannoversche Triangulation nötigen Dreickspunkte auch das vierzig Kilometer von hier gelegene Wilsede gehörte, sichtbar auf jedem alten Zehnmarkschein, und dass die signierten Bücher des Autors Kehlmann bei Amazon inzwischen für 30 Euro gehandelt würden. Kehlmann dankt seinem Vorredner und bemerkt, dieser habe vergessen zu erwähnen, dass er mittlerweile so viele Bücher signiert habe, dass die Unsignierten für 40 Euro gehandelt würden. Dann beginnt er zu lesen.