Wissen Sie eigentlich, dass Sie lächeln?" Wenn es um die Wirkung seiner Exponate geht, beobachtet Kurator Joe Ansel jede Regung seines Besuchs. Wenn der lächelt, ist es gut. Denn das bedeutet, das Experiment hat seinen Zweck erfüllt. Obwohl es bescheiden daherkommt: ein Bild an der Wand, eine scheinbar gleichmäßig graue Fläche, über deren Mitte ein Pferdeschwanz aus Puppenhaar hängt. Hebt man ihn hoch, bemerkt man die optische Täuschung: Aus der vermeintlich einheitlichen Fläche werden zwei, auf denen das Grau jeweils von links nach rechts unmerklich dunkler wird. Erst jetzt sieht man die markante Grenze in der Mitte. BILD

Journalisten durch die Ausstellung zu führen ist für Joe Ansel ein Teil des Endspurts vor der Eröffnung. Denn hier, in Wolfsburg, wird in dieser Woche das größte Science Center Deutschlands eröffnet: das Phæno. 79 Millionen Euro hat sich die Stadt den grandiosen Bau der Architektin Zaha Hadid und die Ausstellung darin kosten lassen. Seit 1999 plante Ansel, wo welches Exponat stehen soll, tauschte für jeweils 100 Tage im Jahr seinen Firmensitz in San Francisco gegen die deutsche Provinz. Der Amerikaner aus Philadelphia, der selbst nur wenig Deutsch spricht, findet, dass der Begriff "Science Center" sich nicht gut ins Deutsche übersetzen lässt. Wissenschaftszentrum klinge nach Universität, die sprachliche Alternative Wissenschaftsmuseum nach Vitrinen. Beides sei irreführend. Auch Kurator mag er nicht genannt werden: "Der sagt den Leuten, was sie nicht tun dürfen. Ich versuche das Gegenteil."

Auf den 7000 Quadratmetern Ausstellungsfläche gibt es einige spektakuläre Attraktionen: eine Windhose aus Feuer etwa, wie sie sich in der Natur aus den Glutwirbeln von Buschbränden bilden kann. Im Phæno wird ein fünf Meter hohes Exemplar kontrolliert entzündet. Oder einen auf Luftpolstern fliegenden Teppich. Doch die Stars, so scheint es, brauchen keine Publicity. Ansel zeigt seinem Besucher lieber die kleinen Klassiker unter den Experimenten, von denen er in zwanzig Jahren 125 entwickelt hat. Wie alte Bekannte ziehen Pferdeschwanz und Co mit ihm: vom Exploratorium in San Francisco, dem Geburtsort der Wissenschaft zum Anfassen, zu anderen amerikanischen Museen, nach Neuseeland und nun nach Wolfsburg. Sie sind erprobt, weiterentwickelt, nachgebaut. Ein Drittel der 250 Experimentierstationen und Kunstwerke im Phæno sind solche jahrelang getesteten Kopien.

Also noch ein Science-Center-Klon? Kennst du eines, kennst du alle? Joe Ansel hört das nicht gern. Wenn das Essen in einem Restaurant besonders gut war, käme auch niemand auf die Idee zu sagen: Da gehe ich nicht wieder hin. Auch Wissenschaftsmuseen könne man immer wieder genießen. Und natürlich habe er sich die anderen Science Center in Deutschland angeschaut. Das Universum in Bremen etwa oder die Phänomenta in Flensburg – keines davon so groß wie das Phæno. Und bei 80 Millionen Deutschen, sagt Ansel, bleibe noch viel Platz für weitere Institutionen.

Das Problem vieler internationaler Science Center sei, dass sie das Rad neu erfinden wollten, statt bewährte Konzepte zu übernehmen. Das Ergebnis: teure Themenwelten, die dank unzureichender Finanzen bedrückend unecht wirkten. Ein bisschen Interaktion per Knopfdruck. Schillernde Designs, die doch nur eine Computersimulation beherbergten.

"Heben Sie mal die Scheibe hoch", fordert Ansel seinen Besuch auf. Aus einem nach unten offenen Ofenrohr wird Luft gepustet, trifft auf eine runde, tellergroße Plastikscheibe und drückt sie zu Boden. "Höher!" Und plötzlich, kaum einen halben Zentimeter vor der Rohröffnung, schwebt die Scheibe – obwohl die herabfließende Luft doch nach unten drückt. Wie das? Ansel lacht. "Das wollen Sie wissen?" Ja. "Wollen Sie das wirklich wissen?" Ja bitte! "Phæno funktioniert!"

Ein Unterdruck über der Scheibe sei verantwortlich, erklärt er, aber eigentlich gehe es hier nicht um die Antworten. Es gehe darum, echte Phänomene – daher der Name! – zu erfahren, um Neugier, um Fragen. Die Erklärung könne man in jeder Bibliothek nachlesen. Vorausgesetzt, man erfragt vorher bei den Museumsmitarbeitern das Fremdwort, unter dem es in Nachschlagewerken verzeichnet ist. Die wenigen Sätze auf den Schildern an den Experimenten verraten es nicht.

Bis ins letzte Detail interessiert auch Ansel die Erklärung nicht. Er ist kein Naturwissenschaftler, sondern ein Tüftler. Physik in der Schule war okay, aber noch lieber schraubte der heute 57-Jährige an Fahrrädern, Autos und Motorrädern herum. Neben seinem BWL-Studium an der kalifornischen University of Santa Clara baute er Bühnenbilder fürs Theater oder entwarf Bodenbeläge, die elastisch genug für Balletttänzer waren. Nach dem Studium entschied er sich endgültig gegen eine BWLer-Laufbahn und erprobte stattdessen als Luftfahrt-Techniker für Lockheed, wie sich die Tankfüllung einer Rakete in der Schwerelosigkeit verhält. Und dann, 1972, traf er Frank Oppenheimer, der zusammen mit anderen Forschern und unter Leitung seines älteren Bruders Robert Oppenheimer im Manhattan Project die amerikanische Atombombe entwickelt hatte.

Dieser kleine ältere Herr hatte in einer alten Ausstellungshalle in San Francisco 1969 mit dem Exploratorium eines der ersten Science Center weltweit eröffnet und damit der Hands-on-Science-Bewegung den Weg bereitet. Mittlerweile hat jede größere amerikanische Stadt ihr Science Center. Etwa 1000 sind es weltweit. Als Ansel zum ersten Mal aus dem sauberen Lockheed Lab in das Chaos des Exploratoriums kam, war er irritiert. Und als ihn einer der von Oppenheimer geförderten Künstler fragte, wie man ein bizarres Problem für eine Installation lösen könne, dachte er nur: Die spinnen! Nach seinem Abschluss in Philosophie und einigen Aufträgen jedoch war er ein Teil des Experiments Exploratorium – die kreative Atmosphäre unter den Exponatebauern, Künstlern und Wissenschaftlern hatte ihn angesteckt.

Künstler hätten einen anderen Blick auf die Wissenschaft, sagt er. Sie eröffneten überraschende Perspektiven. "Kommen Sie mit!" Ansel eilt auf eine Ecke zu. Ein unscheinbarer roter Plastikvorhang, dahinter läuft im flackernden Stroboskoplicht ein mit surrealen Objekten gespicktes Laufrad. Das Gehirn des Betrachters montiert die Bilder zu einem 3-D-Film: Aus einer Dose steigt ein Gehirn nach oben, wird zum Ei, aus dem Ei kommt eine Hand, die Hand hält einen Hot Dog und lässt ein Papier fallen, das Papier wird zur Rose und landet auf dem Boden. Sinnfrei, aber schön. "Ich garantiere Ihnen, dass Kinder sich gegenseitig zurufen werden, dass sie das verrückte Ding in der Ecke sehen müssen", kommentiert Ansel. "Aber vorher müssen sie an anderen Exponaten vorbei."

Diese Art der Besucherführung hat System. Zwischen den nur lose nach Wissensfeldern wie Bewegung, Energie, Licht und Sehen geordneten Experimentierstationen bahnt sich jeder den Weg intuitiv. Vorgegebene Routen gibt es nicht. Damit sich keiner in den Höhlen, Kratern und Erhebungen des architektonisch anspruchsvollen Ausstellungsraums verliert, sind die Anziehungspunkte in den hintersten Ecken platziert.

"Wollen Sie ein Echo machen?" Ansel lässt seinen Blick über die Experimentierstationen gleiten. Man kann auch Nebel produzieren oder die eigene Reaktionszeit testen. Die Kunst, eine solche Ausstellung zu gestalten, bestehe nicht nur darin, interessante Exponate auszuwählen, sagt Ansel, es gehöre vielmehr auch die richtige Einschätzung dazu, wie sie zu handhaben seien, ob sie schnell kaputt gingen, großen Besucherströmen standhielten oder ob das Personal sie gut reparieren und austauschen könne. Ansel hat sich dieses Know-how am Exploratorium erworben, wo er von 1974 an die Exponate-Werkstatt leitete und ab 1982 im Direktorium saß. 1992 gründete er schließlich seine eigene Firma – eine der wenigen, die so große Ausstellungen seriös planen können, wie er meint.

Manchmal ist ein Exponat direkt aus dem Leben gegriffen – aus dem eigenen. "Haben Sie die Station dort drüben gesehen?" Ohne auf eine Antwort zu warten, geht Ansel los. Auf einem Experimentiertisch steht ein kleiner Parcours. Aus winzigen Löchern wird gerade so viel Luft schräg nach oben geblasen, dass weiße und blaue Schaumstoffscheiben ihre Bahnen ziehen können. Allerdings: Je mehr Schaumstoffteile auf den Parcours gelegt werden, desto schneller gibt es eine Karambolage und einen Stau. Die Idee dazu ist Ansel auf der A2 gekommen. Dort hat er einmal zwei Stunden gebraucht, um nach einem Auffahrunfall von einem Parkplatz runterzukommen.