Deborah Squash war schwarz, und sie war zwanzig Jahre alt, als sie in die Freiheit entkam. Sie war eine Sklavin von George Washington, dem ersten Präsidenten der USA, und sie lebte im Haus ihres Herrn in New York. Als die amerikanischen Kolonisten 1796 gegen die Briten um ihre Unabhängigkeit kämpften, nutzte sie die Wirren der Schlacht, um hinter die Linien des Feindes zu gelangen. Die Briten brachten die junge Frau ins kanadische Nova Scotia, mit Dutzenden anderer entkommener Sklaven, von denen nicht wenige auf der Seite der Rotröcke gefochten hatten. Philip Livingston war ein weißer Händler, der mit seinem Schiff, der Rhode Island, regelmäßig den New Yorker Hafen ansteuerte. Die Rhode Island war üblicherweise beladen mit Tabak, Rum, Baumwolle und Elfenbein. Um 1749 aber nahm sie in Sierra Leone 124 Sklaven an Bord. 38 starben auf der Fahrt nach New York. Die Geschichte von Deborah Squash und Philip Livingston erfahren wir in der Ausstellung Slavery in New York in der New York Historical Society. Euphemia Toussaint, circa 1825 BILD

"Wir sind alle mit Vom Winde verweht aufgewachsen, wir dachten, Sklaverei sei eine Institution des Südens", sagt der Kurator Richard Rabinowitz. "Dabei hat die Sklaverei New York über 200 Jahre lang geformt." Im 17. Jahrhundert stellten die Sklaven ein Fünftel der Stadtbevölkerung von insgesamt etwa 11000 Menschen; 40 Prozent aller Haushalte besaßen Sklaven. Mehr Sklaven als in New York City gab es nur in Charleston, South Carolina. Sklaven bauten die Trinity Church, die Mauer an der Wall Street, die die Stadt vor den Indianern schützte, das Fort am Battery Park und das erste Rathaus. Und alle verdienten daran, die Banken, die Werften, die Zeitungen, die Anzeigen von Sklavenauktionen druckten. New York stimmte gegen den Bürgerkrieg, da die jungen, weißen Einwanderer ihr Leben nicht für die Befreiung von Sklaven riskieren wollten. Als Abraham Lincoln dennoch in den Krieg zog, lynchte ein entfesselter Mob in Manhattan Schwarze auf offener Straße und steckte ein Waisenhaus für schwarze Kinder in Brand. "Sklaverei war keine Nebensache", sagt James Oliver Horton, wissenschaftlicher Berater der Ausstellung, "sie war essenziell." Gleichwohl war dieser Teil der Geschichte lange verschüttet und musste, im Wortsinn, erst ausgegraben werden. Das begann, eher zufällig, 1991, als bei Bauarbeiten in downtown New York die Knochen von über 400 Menschen entdeckt wurden. Viele dieser Menschen mussten unterernährt gewesen sein, und ihre sterblichen Überreste waren von harter Arbeit gezeichnet. Es waren die Leichen schwarzer Sklaven, und unter ihnen befanden sich, wie sich herausstellte, auch Menschen, die zum Tode verurteilt worden waren. So waren 13 Sklaven um 1741 auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, weil sie verdächtigt worden waren, einen Aufstand zu planen.

Auf fast tausend Quadratmetern präsentiert die Historical Society nun stattliche 400 Ausstellungsstücke. Darunter ist ein Brief der Dutch West India Company an Peter Stuyvesant, den ersten, holländischen Gouverneur New Yorks; mit diesem Schriftstück wurde ihm gestattet, Sklaven zu verkaufen. Stuyvesant hoffte, das damalige New Amsterdam könne der größte Sklavenmarkt der USA werden. Wir sehen auch eine Urkunde von 1799, die die Freilassung eines Sklaven bezeugt. Gemälde von Schwarzen, auch rassistische Karikaturen. Karten aus der Zeit, in der New York an der Canal Street endete und Schwarze nur südlich der Worth Street leben durften. Fotos von schwarzen Kirchen und Schulen. Lebensgroße Figuren aus Plexiglas, schwarze Fischverkäuferinnen und Hafenarbeiter, die ihre Geschichte erzählen. Zeitungsartikel – die auch auf Band abgehört werden können – über Misshandlungen von Sklaven, über die erst nach 1799, mit dem Emancipation Act, geschrieben werden durfte. Silbernes Bettgeschirr, das von Sklaven geleert und gereinigt wurde. Und interaktive Elemente, etwa ein Computerspiel, bei dem Besucher entlaufene Sklaven finden und befreien können.

1827 wurde die Sklaverei in New York untersagt, aber gleichgestellt waren die Schwarzen damit noch lange nicht. Das Wahlrecht wurde gesetzlich an Besitz gekoppelt, sodass damals gerade mal 16 Schwarze in ganz New York wählen durften. Und viele verarmten noch mehr, als im 19. Jahrhundert Hunderttausende von Einwanderern aus Irland, Italien, Deutschland und Polen kamen und ihnen die Jobs wegnahmen.

Ein wenig zu kurz kommt in der Schau leider die Rolle der Banken – kein Wunder, zählen doch JPMorgan Chase und Goldman Sachs zu den Sponsoren. Allerdings ist für nächstes Jahr ein zweiter Teil geplant, Commerce and Conscience. Um die Ausstellung dürften sich einige Kontroversen entwickeln, kratzt sie doch am Image des liberalen New York, das sich immer an der Spitze der Bürgerrechtsbewegung gesehen hat. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass die Historical Society ein so explosives Thema präsentiert. Vor vier Jahren stellte sie Postkarten von der Jahrhundertwende aus, die gelynchte Schwarze abbildeten. Diese allerdings stammten aus dem Süden.

"Slavery in New York, A Landmark Exhibition", New York Historical Society, 170 Central Park West Di–So 11.00 bis 17.00 Uhr, bis 5. März 2006;

Tel. 001-212/8733400; www.nyhistory.org