Ein Galadinner war es nicht gerade. Zusammengeschobene Tische, eine ungebügelte Tischdecke; kein Sekt, keine Schnittchen. Immerhin, die Miene der Bildungssenatorin war feierlich, als sie den sechs Schulleitern die Büchergutscheine überreichte. 200 – in Worten: zweihundert – Euro pro Schule für neue Schulbücher, einzulösen natürlich nur gegen die ordnungsgemäße Vorlage von Quittungen. BILD

Über dem knausrigen Behördencharme der Feierstunde hätte man fast vergessen können, dass eine Deutschland-Premiere ablief, als Senatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) Ende Oktober in aller Öffentlichkeit sechs Hamburger Grundschulen für ihre herausragenden Leistungen im landesweiten Vergleichstest Kess 4 auszeichnete. Das sind die 6 besten Grundschulen in Hamburg titelte am nächsten Tag die Bild- Zeitung, eine geradezu sensationelle Schlagzeile, denn eine offizielle Belobigung von Schulen hat es hierzulande nie zuvor gegeben, Schülerleistungen wurden von den Kultusministerien meist wie Staatsgeheimnisse behandelt – oder, bis vor wenigen Jahren, gar nicht erst gemessen.

Während Eltern in Großbritannien oder den USA vor Schuljahresbeginn in seitenlangen Zeitungsbeilagen mit detaillierten Schulrankings blättern, müssen sie sich in Deutschland bei der Suche nach der geeigneten Schule für ihre Kinder fast ausschließlich auf Gerüchte und auf ihren Instinkt verlassen. Grund der fehlenden Transparenz sind die Angst vor den Lehrergewerkschaften und die über Jahrzehnte gepflegte Illusion, alle deutschen Schulen seien im Prinzip gleich gut oder sollten es zumindest sein, was das Nachmessen überflüssig machte. "Dabei versetzen wir Lehrer nur durch das konsequente Messen von Schülerleistungen in die Lage, ihren Unterricht wirklich zu verbessern", sagt Olaf Köller, der das vor einem Jahr gegründete Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin leitet.

Wie die Hamburger Preisverleihung ist auch das IQB selbst Ergebnis des radikalen Kurswechsels, den die Bildungspolitik nach dem enttäuschenden deutschen Abschneiden bei internationalen Vergleichsstudien wie Pisa oder Iglu vollzogen hat. Alle Bundesländer haben mittlerweile landesweite Vergleichsarbeiten eingeführt, um den Leistungsstand jeder einzelnen Schule zu ermitteln, und auch das Zentralabitur, lange Gegenstand ideologischer Auseinandersetzungen, wird bis zum Ende des Jahrzehnts fast überall der Standard sein. Allein Rheinland-Pfalz will derzeit noch bei der dezentralen Reifeprüfung bleiben. Bisher waren die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten allerdings lediglich der Schulaufsicht und den jeweiligen Schulleitern bekannt, als Mittel externer und interner Qualitätskontrolle. Doch mit der Existenz der Daten steigt der Druck, sie nicht länger unter Verschluss zu halten – und so der Öffentlichkeit Vergleiche zwischen den Schulen zu ermöglichen. "Warum sollen Eltern nicht auch wissen, wie gut die Schule ist, auf die sie ihre Kinder schicken wollen, wenn es doch mittlerweile faire Testmethoden gibt?", fragt IQB-Chef Köller.

Den ersten Tabubruch wagte vor fünf Jahren die sächsische Landesregierung, indem sie eine Rangliste der Gymnasien des Freistaates veröffentlichte, geordnet nach den Ergebnissen des Abiturs. Inzwischen hat Sachsen ein zentrales Internet-Portal (www.sachsen-macht-schule.de) eingerichtet mit detaillierten Porträts aller sächsischen Schulen und der zusätzlichen Möglichkeit, über eine Abfragemaske die Leistungsdaten jeder einzelnen Schule abzurufen, vom Abischnitt bis zur Quote der Sitzenbleiber. Bayern wiederum wird noch in diesem Jahr erstmals die Ergebnisse aller landesweiten Vergleichsarbeiten in Form eines Rankings veröffentlichen, wenn auch nur auszugsweise: Die besten 25 Prozent der Gymnasien und Realschulen werden namentlich aufgezählt, dazu die besten 10 Prozent der Hauptschulen. Auch Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wollen womöglich schon im kommenden Jahr erste Leistungsdaten von Schulen publik machen.

Der Bildungsforscher Rainer Lehmann von der Humboldt-Universität kritisiert die Veröffentlichungsorgie allerdings als wenig durchdacht. "Offizielle Schulrankings bringen nichts, man muss zu viel erklären und löst doch nur Missverständnisse damit aus." Was Ranglisten anrichten können, wenn sie unkommentiert an die Öffentlichkeit gelangen, zeigt der Ärger um die Bildungsreform "No Child Left Behind" (NCLB) in den Vereinigten Staaten. Die Problemschulen, ergab NCLB, stehen fast ausnahmslos in den Innenstädten, wo die Armut grassiert und die meisten Schüler nichtweißer Herkunft sind, die besten Schulen dagegen in den überwiegend von Weißen bewohnten Vororten. Die Aussagekraft von NCLB ist damit gleich null, der Schaden hingegen verheerend: Die schlechten Schulen werden nicht nur an den Pranger gestellt, die Bush-Regierung kürzt bei andauernder Erfolglosigkeit sogar das Geld und geht bis zur Schließung von Schulen. Das Lieblingsargument der Ranglisten-Befürworter ist neben der Transparenz die Schaffung neuer Leistungsanreize für schwächere Schulen, doch bei NCLB verkehrt es sich in sein Gegenteil, Angst und Druck sind die Folgen. Fairer Wettbewerb sieht anders aus. "Bruttorankings sind immer äußerst fragwürdig", sagt Rainer Lehmann. "Im schlimmsten Fall können sie sogar unbeherrschbare Schülerströme auslösen."