Flughafen Frankfurt am Main, Gate B 26, kurz nach neun Uhr morgens: "Ihr Lufthansa-Flug LH 456 nach Los Angeles ist jetzt zum Einsteigen bereit." Für Jürgen Klinsmann geht wieder ein Deutschland-Besuch zu Ende. So hat er es in den vergangenen Monaten immer gehalten, Länderspiel um Länderspiel. Am Morgen danach bestieg der Bundestrainer sein fliegendes Fluchtmobil und ließ ein Fußball-Deutschland zurück, das mal zufrieden, häufig aber irritiert, oft empört und selten dankbar war. Jürgen Klinsmann während einer Pressekonferenz am 25.10.2005 in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt am Main BILD

So haben Klinsmanns persönliche transatlantische Aufbrüche sein Aufbruchsignal für den deutschen Fußball beim Amtsantritt im Juli 2004 immer wieder übertönt. Zwar schien der Aufbruch zunächst geglückt, der Trainer verordnete seinen Leuten unkontrollierte Offensive, doch dann, im vergangenen Herbst beim Spiel gegen China, schienen alle neue Tugenden vergessen.

Ungerührt setzte sich Klinsmann auch dann am nächsten Morgen wieder ins First-Class-Abteil der Maschine nach L.A. und ließ das deutsche Jammertal weit hinter sich. In solchen Momenten wuchs die Distanz zwischen dem Trainer und der Fußballnation über die 10000 Kilometer hinaus, die zwischen Frankfurt und dem Westküstenstädtchen Huntington Beach liegen.

Kopfschüttelnd blickten die Fans Klinsmann hinterher. Selbst wohlmeinende Kommentatoren fürchteten auf einmal ein gestörtes Verhältnis des Bundestrainers zu seinem Job. Seit mittlerweile 18 Monaten im Amt, gibt der Coach der deutschen Öffentlichkeit immer wieder Rätsel auf. Selbst enge Vertraute gestehen, den Freund nicht wirklich gut zu kennen. Teammanager Oliver Bierhoff will einen "unglaublichen Fleiß" bei Klinsmann entdeckt haben. DFB-Chef Theo Zwanziger lobt ihn als "absolute Führungspersönlichkeit". Fragen nach der Gefühlswelt des Trainers weichen beide lieber aus. Andere empfehlen eine Spurensuche in Klinsmanns amerikanischer Parallelwelt.

Der Bundestrainer, ein Phantom?

Frankfurt am Main, im September , Aufnahme der Spur: Gate B 26, 9.15 Uhr, Flug LH 456 nach Los Angeles. Zehn Flugstunden, die der Coach nutzt, um Hunderte von E-Mails in alle Welt zu schicken. Jeder will etwas von ihm, seit feststeht, dass er es bei der WM 2006 für Deutschland richten soll. Klinsmann liebt den E-Mail-Verkehr. Er kann diese zwischenmenschliche Zugbrücke nach Belieben hochziehen. Er bestimmt, wann er antwortet – und wem. Bis zum Frühjahr 2004 war es vor allem die elektronische Post seiner amerikanischen Geschäftspartner, die auf Klinsmanns Laptop aufleuchtete.

Dann kam die Zäsur, das Ereignis, an das sich deutsche Fans nur mit Schaudern erinnern: Europameisterschaft in Portugal im Jahr 2004, die deutschen "Rumpelfußballer" blamieren sich bis auf die Knochen. Vollständige Kapitulation. Die Mannschaft um Kapitän Oliver Kahn ist dem Gegner körperlich, taktisch und technisch unterlegen. Selbst der unbedingte Wille zum Sieg – über die Jahre als verlässliche deutsche Tugend gepriesen – ist nicht mehr zu erkennen.

Fußball macht den Deutschen plötzlich keinen Spaß mehr. Der Job des über Nacht zurückgetretenen Rudi Völler liegt auf der Straße, und keiner hebt ihn auf. Europameister Otto Rehhagel winkt ab. Auch Ottmar Hitzfeld will sich das nicht antun. Und das zwei Jahre vor der WM. Durch sie soll das Bruttoinlandsprodukt 2006 real um 0,3 Prozent wachsen. Die Postbank errechnet: Durch sie wachsen die Investitionen im Land um sechs Milliarden Euro. Der private Konsum steigt um zwei, drei Milliarden, die Exporte um eine Milliarde. Nicht auszudenken, die Nationalelf hielte da sportlich nicht mit.

In der Stunde der Not reist – auf Vermittlung von Berti Vogts – DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder mit kleiner Delegation in die USA, um Jürgen Klinsmann das Amt des Bundestrainers anzudienen. Die Herren treffen sich in einem New Yorker Hotel. Klinsmann erinnert sich später: "Das Amt angeboten zu bekommen war eine große Ehre für mich. Mein persönliches Glück aber hing nicht davon ab."

Vorteil für ihn. Er kann der DFB-Delegation seine Bedingungen direkt in das Vertragspapier diktieren. Sein Plan für eine mehr oder weniger friedliche deutsche Fußballrevolution: radikale Verjüngung des Teams, Konzentration auf die körperliche und geistige Fitness unter Aufsicht externer Experten, Austausch wichtiger Figuren im Umfeld von Mannschaft und Verband, alleinige Verfügungs- und Entscheidungsgewalt des Bundestrainers und seiner Vertrauten.

Und nicht zuletzt: Sein Wohnort bleibt Amerika, er möchte das Dasein eines Pendlers führen.

Landung in Los Angeles , noch 45 Minuten bis Huntington Beach, einem schmucklosen Küstenort an einer vierspurigen Schnellstraße. Straßencafés, Steakhäuser, eine Promenade, dahinter der Strand mit Scharen unermüdlicher Surfer in dunklem Neopren. Ein wenig spektakulärer Ort, an dem Klinsmann nicht einfach zu finden ist. Hier kennt niemand den deutschen Fußballbundestrainer. In einer orientierenden E-Mail hat er geschrieben: "10 Uhr in Huntington Beach geht in Ordnung. Treffpunkt wäre das Hotel Hyatt Regency Resort and Spa." Am Ende der Mail der euphorisierende Zusatz "(maximal 2 Std.)".