ICE nach Leipzig. Auf dem Nebensitz ein Ausstellungskatalog. "Neo Rauch" in gelber Tarzanschrift. Die Sonne steht tief, die Leipziger Börde liegt im roten Novemberlicht. Neo Rauch, heißt es, hause in einer verlassenen Fabrik am Rande der Stadt. Wie der Soundtrack aus einem Tarkowskij-Film hat die Wegweisung seines Galeristen Lybke geklungen: Raus aus der Stadt. In altes Industrieland, wo riesige Fabriken unterm blassblauen Himmel stehen. Die richtige finden – auf einen freistehenden Schlot achten. Da ist er: befreit von aller Funktion, eine Siegessäule nachindustrieller Melancholie. "Bis unters Dach steigen", hat Gert Harry Lybke gesagt, "bis Sie in einer Fabrikhalle stehen, riesiger, als Sie je eine gesehen haben. Dann rufen Sie die Nummer an, die ich Ihnen jetzt gebe. Ab hier finden Sie allein nicht mehr weiter."

Ich wähle die Nummer. Eine alte Eisentür geht auf. Neo Rauch öffnet sie und schließt sie wieder, dann noch eine, dann stehen wir in seinem Atelier. Er hat Kuchen gekauft und Kaffee gekocht.

Er ist ein schöner Mann. Die Art von Schönheit, die ganz ruhig bleibt. Höflich. Beherrscht. Unhysterisch wie seine Bilder. Fast scheu. Aber nicht wehrlos. Ein Punchingball hängt da, fürs Karatetraining, eine Pistole liegt herum. Wir begutachten die Zielscheibe an der Wand – die Einschüsse liegen dicht am Schwarzen, etwas südwestlich, die Waffe hat einen leichten Linksdrall – und plaudern übers Schießen. Er grinst. "Haben Sie denn gedient?"

"Und Sie?"

"Mot-Schützen."

Er grinst noch breiter, der Satz gefällt ihm: Haben Sie gedient. "Nun haben Sie den ersten Satz."

Dann reden wir über seine Bilder. Wir tun es eigentlich schon. Männer und Frauen, die gedient haben, gehen darin ein und aus, in wetterfester, arbeitsweltlicher Kluft. Ihren somnambulen Dienst tun sie in den sachlich-unheimlichen Gehäusen der modernen Welt. Im Labor, im Verhörraum, im Amt. In einer Reihenhausflucht. In einem seltsamen Danach. Einer Traumzeit namens Jetzt.

Woher kommen diese Bilder? Es gebe Zustände, sagt er, die ihren Zustrom begünstigten. "Momente körperlicher Erschöpfung. Leicht fiebrige Zustände – die habe ich aber seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt." Heute geschieht es bei Gängen im Wald. "Im Unterholz steht plötzlich im Augenwinkel ein Bild."

Er nennt sie: Bilder aus unserem kollektiven Archiv. "Die muss ich natürlich gestalten, in meinen Stall holen. So entstehen dann eben Rauchs Bilder." Wir kommen auf Träume zu sprechen. Es mache ihm Sorge, sagt er, dass sie an Bildgewalt verlören. "Aber einzelne wuchten sich durch."

Sein Blick schweift ab. "Ich halte mich oft nachts in einem Gehöft auf, in einem Zimmer am Ende eines langen Korridors. Immer habe ich Gepäckprobleme, immer stehe ich kurz vor dem Abmarsch, immer ist die Frage da: Habe ich meine Sachen griffbereit, wenn’s losgeht?" Es könne eine Flucht sein, aber auch ein Vormarsch. Er versuche es zu malen, aber es zerrinne ihm zwischen den Fingern. "Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann dorthin komme. Oder da war. Ich könnte ein Modell von dem Gehöft bauen, so gut kenne ich es."

Es ist Nacht geworden. Das hohe Fabrikfenster des Ateliers besteht nun aus kleinen, halb blinden Spiegeln, sie zeigen einen zwanzig mal zwanzig Meter großen Raum. Unter sechs doppelten Neonröhren eine weiß bezogene Pritsche, eine Wasserpfeife, zwei klangmächtige Boxen, ein Tisch, randvoll gestapelt mit CDs. Pop. White Stripes. Neues Zeug. Ein Wildschweinkiefer, im Wald gefunden. Überall Farbeimer und Farbfladen, er mischt auf dem Boden, auf Plastiktellern vom Take-away-Chinesen. Und auch ihm selbst, seiner ehemals hellen Hose, ist anzusehen, dass Malerei richtige Arbeit ist und wie passend sein Wort dafür: mein Stall.