Sieben Jahre sind vergangen, seit CDU und CSU in einen tiefen Abgrund stürzten. Nur noch 35,1 Prozent erreichten die Unionsparteien bei der Bundestagswahl 1998. Das schlechteste Ergebnis seit 1949, das Ende der Ära Kohl. Es folgten: eine Parteispendenaffäre, der Sturz des Parteivorsitzenden, diverse Kabalen, Rücktritte, Rückzüge, der fragile Aufstieg Angela Merkels, die Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers, schließlich noch eine Niederlage gegen Rot-Grün. Und heute? Im Dezember 2005 wird Deutschland zwar wieder von einer Christdemokratin regiert. Aber die Situation der Partei hat sich nicht wesentlich verbessert. Nach sieben turbulenten Jahren dümpeln CDU und CSU noch immer bei 35,2 Prozent. Mit anderen Worten: Die Wähler, die der Union 1998 den Rücken gekehrt haben, hat sie bis heute nicht zurückgewonnen. Das ist für eine Partei, die vier Jahrzehnte lang stets jenseits von 40 Prozent agierte, ein dramatischer Befund.

Am kommenden Montag trifft sich deshalb der CDU-Vorstand, um nachträglich das Wahlergebnis zu analysieren. Sieben Stunden sind für die Aussprache angesetzt, Offenheit ist ausdrücklich erwünscht. Aber allzu viel Selbstkritik darf man nicht erwarten.

Vor zweieinhalb Monaten, am Abend des 18. September, sah es für einen kurzen Moment so aus, als sei in der CDU die Stunde der Abrechnung gekommen. Fassungslos verfolgten die Christdemokraten, die sich in der Berliner Parteizentrale versammelt hatten, die Hochrechnungen der TV-Anstalten. Fassungslos kommentierte Angela Merkel das Desaster, das sich hinter den bunten Balkendiagrammen verbarg. Dann kam ihr Gerhard Schröder zur Hilfe. Die Abrechnung fiel aus, die Analyse wurde vertagt. Nun ist Angela Merkel Kanzlerin und die Mehrheit der Partei froh, dass sie doch noch regiert. Die CDU sehnt sich nach Ruhe, der Zeitpunkt für eine unbefangene Betrachtung von Fehlern und Versäumnissen der Vergangenheit ist – wieder einmal – schlecht.

Dabei stehen die Fragen unbeantwortet im Raum: Wie kam es zu dem atemberaubenden Absturz von nahezu 50 Prozent in den Umfragen Anfang Juni auf jene 35,2 Prozent Mitte September? Warum hatte die CDU nichts entgegenzusetzen, als Schröder ihr im Wahlkampf die Fratze eines kaltherzigen Neoliberalismus verpasste? Warum reichte eine einzige Personalentscheidung – die Nominierung des früheren Verfassungsrichters und Steuerexperten Paul Kirchhof – aus, um die ganze Wahlkampfformation durcheinander zu bringen?

Man kann die jüngere Geschichte der CDU als die Geschichte einer programmatischen Verengung erzählen. Sie handelt, kurz gesagt, von einer ehedem stolzen Volkspartei, die lange Zeit als bürgerliche Sammlungsbewegung reüssierte und unter ihrem weiten, nie sonderlich scharf geschnittenen Mantel liberale, konservative und christlich-soziale Ideen und Wähler versammelte, bevor sie 1990ff. allmählich die Balance verlor.

So jedenfalls erzählt Heiner Geißler diese Geschichte, der frühere Generalsekretär, der in den siebziger Jahren die "Neue Soziale Frage" erfand und damals alleinerziehende Mütter, Arbeitslose und alte Menschen als Klientel und Wählergruppen für die CDU entdeckte. Die CDU habe sich im zurückliegenden Wahlkampf als "aufgeblasene FDP" präsentiert, sagt Geißler, dessen Urteil scharf ausfällt und sicherlich nicht ganz frei ist von persönlichen Verletzungen.