"Nicht nur die CDU war früher sozialer, auch die SPD", wendet der Historiker Bösch ein. Vordenker und Konzepte sind hier wie da rar, Höhenflüge offensichtlich schwierig. Etwas drückt die Politik zu Boden. Man kann der CDU nicht ernsthaft vorwerfen, dass sie kein fertiges Konzept für die "Humanisierung der unaufhaltsamen Globalisierung" in der Tasche hat, wie es Geißler fordert. Aber dass sie sich die Frage gar nicht gestellt hat, bis sie am Abend des 18. September schockstarr vor dem Votum der Wähler stand – das wirft tatsächlich ein fahles Licht auf die politische Fantasie und den Wirklichkeitssinn der Partei.

Eher melancholisch als zornig klingt daher der Befund von Alexander Gauland. Zwar wirft auch er der CDU vor, dass sie sich dem Druck der wirtschaftlichen und publizistischen Eliten gebeugt habe; und allen Rufen nach grundstürzenden Reformen hält er den Skeptizismus des britischen Konservativen Edmund Burke entgegen: "Wer etwas verändern will, trägt die Beweislast." Doch anders als Geißler reduziert er den Befund nicht auf handwerkliche Fehler. Vielmehr habe die CDU eine Entwicklung nachvollzogen, die die Gesellschaft vorgezeichnet hat.

Das erfolgreiche Bürgertum, sagt der Konservative Gauland, fühle sich mehr und mehr durch den Sozialstaat gehemmt. Mit Staunen beobachte er, wie sehr im eigenen Freundeskreis ein Horst Seehofer "zum Hassobjekt" geworden sei. Die Folge: "Der Bewusstseinsgraben wird immer größer. Ein Henkel oder ein Rogowski (die beiden früheren BDI-Chefs, Anm. d. Red.) sind so weit von der Krankenschwester entfernt, wie es ein Adenauer oder Erhard nie waren." Nein, Gauland will nicht orakeln, ironisch flicht er ein, er glaube nicht, dass der Weltuntergang bevorstehe. Aber dass Deutschland auf dem Weg zurück zu einer Klassengesellschaft sei, das sieht er so. "Die Geschichte wird wieder grausamer." Und die Möglichkeiten für eine Volkspartei, die Konflikte, die in der Gesellschaft schwelen, aufzufangen, sind dadurch objektiv geringer geworden. Vielleicht ist es sogar unmöglich. Insofern, sagt Gauland, "ist es etwas ungerecht, wenn man nun nur Frau Merkel verantwortlich macht".

Dass sie, die "Spätankommerin" aus dem Osten, allerdings Mitschuld trägt an der einseitigen Aufstellung der CDU, an der mangelnden sozialen Sensibilität und der verlorenen Balance steht für ihn, genauso wie für Heiner Geißler und Gerd Langguth, außer Frage. Merkel habe nie "eine Volkspartei in voller Blüte erlebt", sagt ihr Biograf Langguth. Sie kenne die CDU nur aus der Zeit, als Helmut Kohl sie bereits ziemlich zu Schanden geritten hatte. Merkel, die kühle Mechanikerin der Macht, unfähig, Emotionen zu zeigen und zu wecken? Ganz vorsichtig formuliert auch Hamburgs Erster Bügermeister Ole von Beust (CDU) in diese Richtung (siehe Interview, Seite 9).