Moskau

Der Hoffnungsträger der russischen Opposition wird hinter fünf Zäunen mit Stacheldraht und scharfen kaukasischen Schäferhunden sicher verwahrt. Seit sieben Wochen sitzt Michail Chodorkowskij im sibirischen Straflager JaG 14/10 ein, gut 6500 Kilometer östlich von Moskau. In die vergilbte Steppe kurz vor der chinesischen Grenze wurden schon zur Zarenzeit politische Gefangene verbannt. Das Urteil über acht Jahre Lagerhaft soll Chodorkowskijs Anziehungskraft auf jene brechen, die sich nach einem Messias gegen den übermächtigen Präsidenten Wladimir Putin sehnen. Doch die triumphierenden Verfolger aus dem Kreml und der Staatsanwaltschaft haben den "Häftling Nummer eins" erst zu dem gemacht, den sie am meisten fürchteten: zum Anwärter auf einen Platz in der russischen Politik. BILD

Das neue Vermögen des einst reichsten Mannes Russlands, der als Chef des Ölkonzerns Yukos mit schnellen Produktionssteigerungen und hohen Dividenden glänzte, ist sein ungewolltes Martyrium. Es könnte über Jahre hinweg politische Zinsen erwirtschaften. Chodorkowskijs lächelnde Selbstbeherrschung als Angeklagter machte den Gitterkäfig des Gerichtssaals zur ersten Station seines Kreuzweges der Läuterung. Er hat die Rolle als Dissident samt der Perspektive einer grandiosen Rückkehr aus dem Gefängnis mitten auf die politische Bühne verinnerlicht – wie einst der sowjetische Dissident und Nuklearwissenschaftler Andrej Sacharow. Aber besitzt der Ex-Oligarch überhaupt die Gabe, ein zeitgemäßer Sacharow zu werden?

Schon im Kindergarten wurde der kleine Michael "Direktor" gerufen

Ehrgeizig war Chodorkowskij schon immer. Der kleine Michail wurde im Kindergarten "Direktor" gerufen, da er unbedingt Fabrikchef werden wollte. 1986 kämpfte er sich bis zum Stellvertreteramt des Komsomolzenverbandes im Moskauer Frunsenskij-Rajon hoch und eroberte in den neunziger Jahren renditeträchtiges Neuland zwischen Banktresoren und Ölfeldern. Die linken Ärmel seiner Anzüge von Ermenegildo Zegna verdeckten die Narbe am Unterarm, die von einem Moskauer Straßenkampf als Teenager zurückgeblieben war. Als es galt, die Verfehlungen der Aufsteigerjahre während Russlands wilder Privatisierungen vergessen zu machen, wandelte sich Chodorkowskij am konsequentesten zum Saubermann. Und als erster Oligarch wanderte er ins Gefängnis.

Auch hier bleibt er eine Ausnahmeerscheinung. Chodorkowskij sieht sich in der Tradition der Dekabristen, jener jungen Generation zaristischer Offiziere, die im Dezember 1825 gegen die Unfreiheit, das Polizeiregime und die Zensur unter Nikolaus I. aufbegehrte. Nicht ihre gescheiterte Revolte, sondern vor allem das standhafte Erdulden der erbarmungslosen Verbannungsstrafe brachte den Dekabristen und ihren Familien Nachruhm. In seinem Schlusswort zur ersten Gerichtsverhandlung dankte Chodorkowskij seiner Frau als "der wirklichen Frau eines Dekabristen". Auf dem Weg zum ersten Besuch ihres Mannes im sibirischen Straflager betrat Inna Chodorkowskaja in der Gebietshauptstadt Tschita demonstrativ eine Kirche, die dem Andenken der Dekabristen gewidmet ist. "Seit 180 Jahren hat sich das Verhalten des Staates kaum verändert", beklagte sie.

Anhänger oder Kommentatoren stilisieren Chodorkowskij zum Nachfolger des genialen Physikers und unbeugsamen Menschenrechtlers Andrej Sacharow. Im August verweigerte Chodorkowskij aus Solidarität mit dem erkrankten Mitangeklagten Platon Lebedjew in der klassischen Weise eines politischen Gefangenen die Nahrungsaufnahme. Die Zeitung Nowyje Iswestija erinnerte daraufhin an den berühmten Hungerstreik von Sacharow und seiner Frau 1981 im Verbannungsort Gorkij. Als der Chef des russischen Strafvollzugs den Hungerstreik Chodorkowskijs öffentlich leugnete, verkündete dessen Verteidiger Jurij Schmidt empört: "Sogar die Gefangenenwärter Sacharows ließen sich nicht zu solchen Methoden herab."