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In einem der letzten Schaukästen der Ausstellung liegt ein unscheinbarer handgeschriebener Zettel. Er trägt folgende Zeilen in Deutsch und Polnisch: "Wir kommen zu Besuch in unsere Heimat. Wir wollen nicht zurück. Jetzt ist es Ihre Heimat." Ein aus dem schlesischen Lübchen Vertriebener hatte sich 1972 diese Sätze für seinen ersten Besuch in der verlorenen alten Heimat zurechtgelegt. Plakat eines westdeutschen vertriebenenfilms aus dem Jahr 1951 BILD

Es gibt dramatischere Geschichtszeugnisse und wertvollere Artefakte unter den 1500 Exponaten dieser großartigen Ausstellung. Doch kaum ein anderer Gegenstand ist so anrührend wie dieses schlichte Dokument. Der Zettel ist auch darum so sprechend, weil die Ausstellung deutlich macht, welchen Widrigkeiten seine Menschlichkeit abgerungen werden musste. Bevor man ihn findet, hat man nämlich all dies gesehen: die Trecks im Winter unter sowjetischem Beschuss, die Dokumente der lange vorgeplanten Entrechtung der Sudetendeutschen durch die Bene∆-Dekrete, den tausendfachen Tod bei den "wilden" Vertreibungen, die Not in den Lagerbaracken, den Kampf um Anerkennung im Westen, die Unterdrückung der Vertriebenen in der DDR. Dies alles wird fasslich gemacht auf den 650 Quadratmetern im Bonner Haus der Geschichte.

Bei dem ungeheuren innen- und außenpolitischen Druck, der auf dem Thema lastet, kommt es fast einem Wunder gleich, dass das Team des Bonner Hauses der Geschichte eine Ausstellung zuwege gebracht hat, die durch geistige Unabhängigkeit beeindruckt. Es ist also doch möglich, denkt man am Ende erleichtert, den ganzen Lärm der Debatte um das in Berlin geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" auszublenden, um endlich einen neuen, freien Blick auf die Geschichte der Vertreibung zu wagen.

Wer die angenehm sachliche Bonner Ausstellung "Flucht, Verteibung, Integration" gesehen hat, dem kommt die sterile Aufgeregtheit der bisherigen Debatte läppisch vor. Die Ausstellung arbeitet mit allen Mitteln der modernen Museumspädagogik, ohne je überwältigen zu wollen. Sorgsam wurden authentische Relikte inszeniert – eine Baracke aus dem Flüchtlingslager Furth im Walde, Durchgangsstation für Tausende Sudetendeutsche; ein Rungenwagen, das typische Fluchtvehikel; selbst gebastelte Werkzeuge, Trinkgefäße, Koffer und allerlei Habseligkeiten, deren Kargheit den Erfindungsreichtum in der Not vor Augen führt. Am eindringlichsten ist vielleicht das festliche Kommunionskleid aus Mullbinden, das in einem dänischen Lager entstand. Eine Mutter hatte es dort für ihre Tochter zusammengenäht – ein eigenartiges Zeugnis von Trotz und Anmut zugleich.

Der Umgang mit solchen intimen Objekten erfordert von den Ausstellungsmachern Taktgefühl: Wenn das Zeugnis überinszeniert wird, droht der Kitsch. Nüchternheit, so hat sich die Mannschaft um den Historiker Hans-Joachim Westholt gesagt, ist im Übrigen auch viel effektvoller: Die abgewetzten Kuscheltiere, die unterwegs selbst gebastelten Werkzeuge, die in sinnloser Hoffnung mitgenommenen Schlüsselbunde für die verlorenen Häuser sprechen schon für sich. Die Ausstellung scheut Gefühle nicht. Man sollte das als gutes Zeichen nehmen, denn sie emotionalisiert nie zulasten der historischen Wahrhaftigkeit.

Die eigens erstellten Interviews – sie sind an Computerterminals abrufbar – unterscheiden sich wohltuend von den effekthascherischen Inszenierungen der Guido-Knopp-Industrie. Die Zeugen dürfen hier ausreden. Sie werden nicht als lebende Belege für vorgegebene Thesen missbraucht. Im Gegenteil: Die Lebensläufe der Männer und Frauen aus Westpreußen, Pommern und dem Sudetenland geben eine Ahnung von der Vielzahl und manchmal gar der Widersprüchlichkeit der Vertreibungserfahrungen.

In der DDR durfte nur von "Umsiedlern" gesprochen werden

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Man braucht Mut zur Reduktion, wenn man von einem Schicksal erzählen will, das 12 bis 14 Millionen Menschen betraf. Zwischen 300000 und zweieinhalb Millionen Deutsche kamen nach verschiedenen Schätzungen im Lauf von Flucht und Vertreibung ums Leben. Frauen, zusammen mit Kindern die Hauptopfer der Vertreibungen, hatten mehr zu leiden als Männer. Wer aus Westpreußen in Brandenburg landete, erlebte anderes als ein Sudetendeutscher in Bayern. In Westdeutschland wurden die Vertriebenen von den Parteien umworben, in Ostdeutschland wurden sie vom Staat gezwungen, sich zu verleugnen. Eines der interessantesten Exponate weist die auf Betreiben der Sowjetregierung vorgenommene neue Sprachregelung nach: Aus Flüchtlingen wurden "Umsiedler", wer nicht mitmachte, war Staatsfeind. Selbst der Königsberger Klops wurde auf den Restaurant-Menüs zum "Kochklops" umdefiniert. Wie brutal die DDR bei dem Versuch vorging, die Erinnerung zu tilgen, zeigen die Stasi-Akten. Für das Verteilen eines heimatseligen Liedtextes landete ein "Umsiedler" im Gefängnis. Und die Schauspieler, die 1961 an der Probeaufführung von Heiner Müllers Stück Die Umsiedlerin teilnahmen, mussten eine demütigende Selbstkritik leisten, in der sie sich von "diesem feindlichen Machwerk distanzieren".

Die Ausstellung stellt die individuellen Zeugnisse in den Rahmen der politischen Geschichte der zwangsweisen Bevölkerungsverschiebungen.Die Vertreibung der Deutschen wird in den Kontext des Jahrhunderts gerückt, vom türkischen Genozid an den Armeniern bis hin zu den Ereignissen im Kosovo. Dabei wird die Vielzahl der Gründe und Motive deutlich, die zu den Vertreibungen geführt haben. Als Polen am Kriegsende nach Westen verschoben wurde, zahlten die Deutschen in den Ostgebieten die Zeche für den von ganz Deutschland geführten Vernichtungskrieg. Im Sudetenland spielte der nationalsozialistische Kurs der Henlein-Bewegung eine Rolle beim Schüren des Hasses, der dann allerdings viele Unschuldige, ja sogar aufrechte Gegner dieser Bewegung traf. Das Foto eines der besonders geschmückten "Antifa-Transporte", in deren Viehwagen deutsche Sozialdemokraten und andere Nazi-Gegner aus der Tschechoslowakei abtransportiert wurden, ist ein aufwühlendes Dokument dieses Irrsinns.

Nachkriegsdeutschland war von Anfang an Einwanderungsland

Die Ausstellung traut dem Besucher viel zu. Er soll sich selbst ein Bild machen, indem er die verschiedenen Linien der Erzählung miteinander abgleicht. Zum Mythos der Wilhelm Gustloff – des von einem sowjetischen U-Boot in der Ostsee versenkten Flüchtlingsschiffes – findet er Zeugnisse der Überlebenden, aber auch der U-Boot-Besatzung sowie Propagandafilme aller Seiten. Auch noch der obszöne postsowjetisch-nationalistische Kult um den Kommandanten Marinenko, dem jüngst erst mehrere neue Denkmäler geweiht wurden, ist dokumentiert.

Es war die größte Herausforderung der Ausstellung, ohne falsche Töne den hohen Preis deutlich zu machen, den die Vertriebenen für die deutschen Verbrechen zahlten. Sie tritt zu Recht der Legende von der reibungslos geglückten Integration entgegen, mit der die frühe Bundesrepublik sich selbst zu schmeicheln pflegte. Die Vertriebenen werden in der Nachkriegszeit zwar nicht als die Opfer gezeichnet, als die ihre Verbände sie allzu gern darstellten. Aber es wird doch deutlich, dass sie degradierte, ungeliebte Fremde waren, die sich ständig zu beweisen hatten. Der Kaufmann wurde Postbote, der Architekt schaffte bei VW am Band. Nur die wenigsten konnten dort wieder anknüpfen, wo sie vor der Vertreibung aufgehört hatten.

So hart dies den Einzelnen ankam, für die junge Bundesrepublik waren die Millionen hoch qualifizierter Arbeitskräfte ein Segen. Wenn man die Pfeildiagramme mit den riesigen Zuwanderungsströmen sieht, die davon erzählen, dass jeder Fünfte in der jungen Bundesrepublik ein Flüchtling war, dann versteht man plötzlich, wie verlogen die Parole von Anfang an war, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Nachkriegsdeutschland war von Anfang an voller Fremder, die sich auch darum an ihre hergebrachte Identität klammerten, weil sie von den Einheimischen angefeindet wurden – genau wie spätere Arbeitsmigranten.

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Das größte Verdienst der Ausstellung besteht vielleicht darin, die Vertriebenen als Agenten der Modernisierung der Bundesrepublik kenntlich zu machen. Sie lehrt, über die notorischen Trachtengruppen hinwegzusehen und zu verstehen, dass diejenigen, die sich da als besonders schollenverbunden inszenierten, in Wirklichkeit die junge Bundesrepublik und auch die DDR gründlich durchmischten – und zwar in landsmannschaftlicher, sozialer, kultureller und nicht zuletzt religiöser Hinsicht. Erstmals seit dem Dreißigjährigen Krieg siedelten wieder große Zahlen Andersgläubiger in den konfessionell homogenen Regionen Deutschlands. Auch dies gehört zur vergessenen Urgeschichte der nachkriegsdeutschen Gesellschaftsdynamik.

Anders als in der DDR hat es in der Bundesrepublik in Wahrheit nie eine Tabuisierung des Vertreibungsthemas gegeben. Nicht erst seit Günter Grass’ Krebsgang bricht sich die Geschichte in Romanen, politischen Debatten und populären Filmen. Man lernt in Bonn, sogar den Heimatfilm als ein Genre neu zu sehen, das eigentlich von den Vertriebenen und ihren Nöten handelt. Ob der fremde junge Wilderer die Tochter des alteingesessenen Oberförsters bekommen wird – das war, in verkitschter Form, eine ganz reale Frage des Heimischwerdens.

Man tut der Ausstellung keinen Gefallen, wenn man sie, wie der SPD-Abgeordnete Markus Meckel, jetzt schon als Ersatz für das umstrittene Zentrum gegen Vertreibungen in Stellung bringt, das der Bund der Vertriebenen in Berlin errichten will. Man sollte besser mit allen Beteiligten neu darüber nachdenken, was ein passendes "sichtbares Zeichen" wäre, das die Große Koalition zum Gedenken an die Vertriebenen in Berlin setzen will. Das Bemerkenswerte an der Bonner Ausstellung ist, dass sie sich von der engherzigen Art der Geschichtspolitik verabschiedet, für die sowohl das Zentrum als auch das rot-grüne Gegenprojekt – das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität – stehen. Das Gedenken an die Vertreibungen muss sich, wie man in Bonn sehen kann, weder in der Zentrierung auf die deutschen Opfer noch in deren Aufhebung im europäischen Kontext erschöpfen.

Die Ausstellung hat jetzt schon das Reden über die Vertreibung verändert: Polnische Zeitungen loben die Unternehmung, auch wenn die Vertriebenenverbände mit vielen Leihgaben vertreten sind. Sie setzt mit ihrer nüchternen Art, von Leid, Verlust, Abschiednehmen und Ankommen zu erzählen, einen neuen Maßstab.

Noch bis zum 17. April 2006 im "Haus der Geschichte der Bundesrepublik" Bonn

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