Hugo von Hofmannsthal ist in seinem Rosenkavalier nicht sparsam mit Regieanweisungen. Für das Selbstgespräch der Marschallin am Ende des ersten Akts ("Die Zeit, die ist ein sonderbar’ Ding") hat er besonders viele notiert: "allein", "seufzend", "ruhig", "ruhig, mit halbem Lächeln", "sehr ruhig", "schnell gefasst", "sehr ernst" soll sie unter anderem im Verlauf der Szene sein. Wer hier ernsthaft entlang der Direktiven spielen wollte, käme in Verlegenheit. Die Sängerin Elisabeth Schwarzkopf hat die Marschallin oft gesungen, und auf der DVD einer BBC-Produktion von 1961 kann man heute noch nachvollziehen, wie sie den berühmten Monolog einst gestaltete: Streng genommen lässt sie alle Vorgaben weg, sobald sie sich während der Aufführung vom Fenster des Palastes abwendet, um in sich hineinzuschauen. Es ist ein heikler Lebensmoment für die Marschallin, wenn sie feststellt, dass auch vor ihr das Alter nicht Halt macht, und es ist ein prekärer Augenblick in der Oper von Richard Strauss, deren Hauptanliegen jetzt in den Mittelpunkt rückt: die Zeit – und wie sie vergeht. Auf einmal muss eine Maske fallen, die aber sogleich durch eine andere ersetzt wird, und nur für Sekunden darf man den Riss sehen, der durchs Ich geht. Elisabeth Schwarzkopf, die von der Marschallin mehr begreift, als selbst Hofmannsthal in sie hineinsah, zeigt hoch konzentriert, wie das geht. Während ihre Hände sich konventionell zum Gebet schließen, als sie den lieben Gott fragt, wie er’s denn anstelle, dass sie einmal die kleine Resi war und doch auf einmal die alte Fürstin sein soll, spielt sich das wirkliche Drama gleichzeitig in der Mimik und im Gesang ab. Das Gesicht wird, wie im Zeitraffer gefilmt, plötzlich leer wie ein weißes Blatt, und die Stimme, dieser einmalige Silberton, fahl, ja matt – bis Elisabeth Schwarzkopf sich insgesamt wieder strafft und eben nicht "seufzend", wie Hofmannsthal vorschreibt, sondern mit fast stoischem Gesichtsausdruck das Leben bejaht: "Und man ist dazu da, daß man’s ertragt. Und in dem ›Wie‹ da liegt der ganze Unterschied."