Schiffauers wichtigste Methode, um darauf eine Antwort zu finden, ist das Gespräch. Andere Wissenschaften bleiben oft in Distanz zum Forschungsobjekt, die Ethnologie sucht Nähe. Mit biografischen Interviews und in "teilnehmender Beobachtung" versucht er die Einstellung seiner Probanden zu Leben und Glauben zu ergründen. Für Promotion und Habilitation begleitete der Menschenforscher mehr als ein Jahrzehnt lang die Bewohner eines anatolischen Dorfes und ihre nach Deutschland ausgewanderten Verwandten. Eine ähnlich lange Spanne widmet er den Anhängern von Cemaleddin Kaplan, der als "Kalif von Köln" die islamische Welt führen wollte. Die literarischen Früchte dieser Langzeitstudien wurden zu Standardwerken.

Es ist kalt geworden, aus dem wintergrauen Himmel rieseln Flocken. Zeit für einen Tee. Schiffauer steuert das Mehtap an, den Treff der streng gläubigen Kreuzberger Muslime. Auf der Speisekarte fehlen die alkoholischen Getränke. Am Eingang liest ein Mann die Zeitung der Milli Görüs, der größten islamistischen Bewegung in Deutschland und der umstrittensten zugleich. Ihr gilt Schiffauers neues Forschungsinteresse. Anders als die Kaplan-Gruppe, die in Abgrenzung zum gottlosen Deutschland so sehr ins religiöse Eiferertum abdriftete, dass sie schließlich verboten wurde, propagiert die Milli Görüs seit einigen Jahren die Öffnung zur hiesigen Gesellschaft. Sie bietet in ihren Moscheen Deutschkurse an, fordert ihre Mitglieder auf, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, in deutsche Parteien einzutreten.

Ein Scheinmanöver, um dem Verbot durch die Behörden zu entgehen, wie einige Islamexperten warnen? Eine Strategie gar, um die Institutionen zu unterwandern, wie Verfassungsschützer mutmaßen? "Nein", entgegnet Schiffauer. "Hier entsteht tatsächlich Neues." Eine junge Generation habe bei Milli Görüs die Führung übernommen – gebildet und westlich sozialisiert, gleichzeitig aber fromm und fordernd. Den Islam als selbstbewusste Minderheit in Deutschland zu etablieren, das sei "die logische biografische Antwort", die ihm in allen Gesprächen mit führenden Milli-Görüs-Mitgliedern begegne.

Kritiker werfen ihm deshalb Naivität vor. Er verharmlose die Gefahren, die von den Religiösen für die Integration ausgehe, sagt etwa die islamkritische Soziologin Necla Kelek. "Die Islamisten nützen Schiffauer aus." Die Stimmung in der Community der Islamversteher ist gereizt. Stillschweigend wirft man sich gegenseitig vor, als nützlicher Idiot gefährlichen Tendenzen Vorschub zu leisten: dem Fundamentalismus die einen, der Islamfeindlichkeit die anderen.

Ebenso häufig trifft Schiffauer der Vorwurf, er identifiziere sich zu sehr mit seinem Forschungsobjekt. Sich als Forscher in seinen Stamm zu verlieben – für Ethnologen eine klassische Berufskrankheit. "Subjektivität spielt immer eine Rolle", räumt Schiffauer ein. Das hängt mit dem Wesen seiner Disziplin zusammen. Harte Beweise gebe es hier nun einmal nicht, sagt er. Aber viel Evidenz, und die gelte es, öffentlich zu machen. "Da verstehe ich mich durchaus als Professor im Wortsinn: als Bekenner."