Und was wissen denn die andern schon: der Verfassungsschutz, dessen Berichte voller offenkundiger Fehler steckten? Die deutschen Behörden, die Milli-Görüs-Anhängern ohne stichhaltige Gründe die Einbürgerung verweigerten? Oder all jene, die unter jedem Kopftuch nur eine geknechtete Frau oder eine politische Agitatorin vermuten? Er habe bei Milli-Görüs-Versammlungen Frauen mit Kopftuch erlebt, die den Männern so klar die Meinung gesagt hätten, dass es im Plenum mächtig unruhig wurde.

Nun hat er sich in Rage geredet. Der Klang seiner Herkunft aus einem bayerischen Dorf ist jetzt unüberhörbar. Vielleicht ist er ja selbst religiös, verteidigt deshalb die frommen Muslime? Ein Fehlschluss. "Tiefes Unbehagen" erfasse ihn, wenn er Menschen ein Glaubensbekenntnis sprechen höre. "Ich könnte das niemals." Dennoch ist sein Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit deutscher Muslime auch biografisch begründet. In Schiffauers Aufsätzen über islamische Gruppen finden sich oft Anspielungen auf die radikalen Linken seiner Generation. Auch die hätten schließlich ihren Weg zurück in die Gesellschaft gefunden. Die deutschen Institutionen müssten nicht befürchten, unterwandert zu werden. Wahrscheinlicher sei der umgekehrte Fall: Die westliche Gesellschaft wird jeden verändern, der sich auf sie einlässt. "Das wird den Islamismus von innen aufknacken."

Ein Ladenbüro nahe dem Halleschen Tor ist die letzte Station des ethnologischen Rundgangs. Hier hat sein Optimismus eine Heimat gefunden. "Inssan" steht an der Scheibe. Ein Mann zeigt stolz einen Zeitungsausschnitt: Muslime organisieren Blutspendeaktion, lautet der Text. "Schau, wir haben es in die Bild geschafft." Schiffauer ist öfter hier. Er schätzt die Arbeit der jungen Leute, die Postkartenaktionen gegen Zwangsehen organisieren, Muslime verschiedener Nationen in ihren Reihen vereinen. Am Sonntag gibt es ein Fest, die Inssan-Frauen haben es organisiert. Schiffauer verspricht zu kommen.

Der Mensch...
Werner Schiffauer lehrt an der Europa-Universität in Frankfurt (Oder) Ethnologie. Der Forschungsschwerpunkt des 54-jährigen Professors ist das Alltagsleben türkischer Einwanderer in Deutschland, besonders das der streng gläubigen Muslime. Selbst ist er nicht religös: "Jede organisierte Religion ist mir persönlich ein Graus", sagt Schiffauer.
...und seine Idee
Döner und Pommes, geht das? Steht der Islam einer Integration entgegen? Wie fremd, wie gefährlich sind die Muslime in Deutschland? Diese Fragen entzweien die Wissenschaft. Der in Berlin lebende Forscher gehört zur optimistischen Fraktion seiner Zunft. Auch die streng gläubigen Muslime könnten sich auf Dauer in die deutsche Gesellschaft einfügen – wenn man ihnen genug Zeit ließe und toleriere, dass sie anders sind.