DIE ZEIT: Professor Dershowitz, funktioniert Folter?

Alan Dershowitz: Fast nie. Man sollte niemals glauben, was jemand unter Folter gesteht. Aber tragischerweise funktioniert Folter in wenigen Fällen eben doch. Nämlich dann, wenn die Ermittler zu Beweisen geführt werden, deren Existenz die Richtigkeit der Aussage beweist. Wie in den Philippinen, wo ein rechtzeitig gefasster Terrorist seine Folterer zu seinem Bombendepot führte und so ein Anschlag verhindert wurde. Funktionierte Folter nicht gelegentlich, gäbe es kein moralisches Dilemma.

ZEIT: Sie legen Ihren Studenten gerne hypothetische Fälle vor. Hier ist einer für Sie: Ein Junge wurde entführt. Ein Verdächtiger wird festgenommen, schweigt aber über das Versteck des Jungen. Ist dies als Notstand zu sehen, in dem der Polizei erlaubt sein sollte, mit Gewalt zu drohen?

Dershowitz: Es gibt einen Unterschied zwischen Gewalt und der Androhung von Gewalt. Die Drohung ist ein Trick. Und Tricks sollten erlaubt sein, um Leben zu retten. Denn: Die Person soll ja nichts gestehen, sondern zeigen, wo das Kind ist.

ZEIT: Dieser Fall ist übrigens nicht hypothetisch. Er fand in Deutschland statt. Der Beamte war der Frankfurter Polizeivizepräsident und wurde wegen seines Verhaltens verurteilt. Handelt es sich hierbei um das Szenario der "tickenden Bombe", in dem nach Ihrer Meinung nicht nur die Drohung mit Gewalt, sondern tatsächlich Folter erlaubt sein sollte, falls damit Leben zu retten wäre?

Dershowitz: Nein. Das Argument für so ein außergewöhnliches Mittel wie die Folter ist nicht besonders stark, wenn es nur um eine Person geht.

ZEIT: Sie schreiben: "Durch die Drohung mit terroristischen Megaanschlägen – und die Möglichkeit, sie zu verhindern – steht in der Folterdebatte mehr auf dem Spiel als früher." Verändert die Zahl der Opfer tatsächlich das moralische Argument?

Dershowitz: Natürlich. Moralität ist eine Frage von Abstufungen, absolute Moralität gibt es nicht.

ZEIT: Was bedeutet das im Zeitalter des islamistischen Terrorismus?

Dershowitz: In der Demokratie führt das dazu, extrem schwierige Abwägungen zwischen zwei Übeln treffen zu müssen. Ein Beispiel: Ein entführtes Flugzeug mit 300 Passagieren fliegt auf einen Wolkenkratzer zu. Es muss entschieden werden, ob das Flugzeug abgeschossen wird. Wenn nur zehn Leute im Wolkenkratzer sind, schießt man das Fluzeug nicht ab. Denn es gibt die Möglichkeit, dass die 300 Leute die Entführer überwältigen. Aber wenn 1000 Leute im Gebäude sind, schießt man es ab. Die Zahlen entscheiden über die moralische Abwägung.

ZEIT: Sie schlagen die Institutionalisierung bestimmter Foltermethoden in bestimmten Verhörsituationen vor…