Noch nie war die Gegenwart so teuer wie heute. Plötzlich können Monet und Rubens, Beckmann und Turner kaum noch mithalten. Plötzlich werden sie überrundet von den Jungen, von Damien Hirst oder Maurizio Cattelan. Und selbst eher Unbekannte erzielen mit einem Mal Rekordpreise, David Smith etwa, dessen klobige Skulptur Cubi XXVIII kürzlich für gigantische 23,8 Millionen Dollar versteigert wurde. Ein Vermeer reicht da nicht heran, eins seiner Bilder war jüngst für 14,5 Millionen zu haben.

Solche Kapriolen sind im Kunsthandel nicht ungewöhnlich, oft liegen Marktwert und Kunstwert weit auseinander. So überdreht aber, so wirklichkeitsvergessen wie im Moment ist es noch niemals zugegangen. Ungehemmter denn je ökonomisiert sich das Reich der Ästhetik, das Geld wird zur treibenden, zur allmächtigen Kraft. Und das verändert – ob wir es wollen oder nicht – unser Bild von der Kunst. Es verändert die Kunst selbst.

Begonnen hat es 1998. Bis dahin versteigerten die Auktionshäuser nur Kunst, die älter war als zehn Jahre. Dann aber kam Gérard Goodrow: Er holte auch atelierfrische Werke in die Säle von Christie’s und hatte damit unerhörten Erfolg. "Damals haben wir ein Monster geboren", sagt Goodrow heute.

Auf den ersten Blick sieht dieses Monster eher wie eine Glücksfee aus, sie küsst kleine Künstler, macht sie zu großen Markthelden und sorgt für märchenhafte Verkaufszahlen. Allein bei Christie’s hat sich 2005 der Umsatz mit zeitgenössischer Kunst fast verdoppelt. Und auch sonst sind die Wachstumsraten gigantisch – fast als wäre die Gegenwartskunst der letzte boomfähige Wirtschaftszweig des Westens. "Die Sucht nach dem heißen, jungen Zeug ist so groß", sagt der Frankfurter Galerist Michael Neff, "die lässt sich gar nicht stillen."

Die Leute kaufen wie verrückt – doch Galerien spielen kaum noch eine Rolle

Was einst mit der New Economy unterging, lebt heute in der Kunstwelt weiter: die Begeisterung für den Markt und die Vorstellung, dass selbst mit dürren Ideen eine pralle Zukunft zu gewinnen sei. Auch die neue Hemdsärmeligkeit scheint von damals zu stammen. War der Handel mit Kunst lange etwas Diskretes, so werden nun dank der neuen Auktionen ständig aktualisierte Preislisten für Gegenwartskunst in den Markt hinausgepustet. Seither verwandelt sich die Diskussion über Kunst in eine Diskussion über Rekorde und Anlagen. Schleichend wird das Geld für viele zur eigentlichen Verlockung, sich mit Kunst zu befassen.

"Letztes Jahr hielten die Leute noch die Luft an", sagt Amanda Sharp. "Sie konnten nicht glauben, dass der Markt weiterwachsen würde. Aber jetzt scheinen sie das Fragen eingestellt zu haben." Jetzt kaufen, kaufen, kaufen sie. Und besonders emphatisch tun sie es auf den Kunstmessen und vor allem auf der Frieze Art Fair, die Sharp zusammen mit ihrem Partner Matthew Slotover vor zwei Jahren in London gegründet hat. Fast alle Galeristen, die in diesem Herbst dabei waren, geraten ins Schwärmen, berichten von irrwitzigen Umsätzen und ungehemmten Sammlern. Fast alle erzählen, dass sie ihr Hauptgeschäft nun nicht mehr in ihren Galerieräumen machen. Neuerdings, so sagen sie, sind die Messekojen der wahre Ort der Kunst.