The Deal is done", meldete Norbert Massfeller müde via Telefonkonferenz einer kleinen Schar Finanzredakteure am vergangenen Donnerstagnachmittag. Wenige Minuten vorher hatte der Aufsichtsrat der Gewerkschaftsholding BGAG, deren oberster Verwalter Massfeller ist, grünes Licht für den Verkauf der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR) an den amerikanischen Fonds Lone Star gegeben.

Damit ist die wochenlange Zitterpartie um die Gewerkschaftsbank beendet. Um deren Überleben vorerst zu sichern, hatten die Großbanken ihr eine frische Kreditlinie über 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, die vom Einlagensicherungsfonds der Banken garantiert wird. Denn eines war allen bundesdeutschen Finanzakteuren klar: Eine Pleite der AHBR hätte Schockwellen zumindest am europäischen Banken- und Kapitalmarkt ausgelöst. Mit einer Bilanzsumme von 80 Milliarden Euro gehört das Institut immerhin zu den fünf größten deutschen Pfandbriefbanken. Knapp zehn Prozent aller umlaufenden Jumbo-Pfandbriefe stammen von der AHBR. Ihr Zusammenbruch hätte deshalb nicht nur über Kettenreaktionen etliche andere Banken in die Bredouille gebracht, sondern auch das Vorzeigeprodukt des deutschen Kapitalmarktes: den Pfandbrief. Der macht die Refinanzierung für die Banken günstiger, und zwar um rund 0,2 Prozentpunkte, hat der Verband der Pfandbriefbanken berechnet. Davon profitieren letztendlich alle Kreditnehmer – egal ob kleiner Häuslebauer oder großer Immobilienunternehmer.

Denn der Pfandbrief hat an den internationalen Kapitalmärkten einen tadellosen Ruf. Seit über 100 Jahren ist noch keiner notleidend geworden. Deshalb war das Bekenntnis "Ich glaube an den deutschen Pfandbrief" des obersten Bankenaufsehers Jochen Sanio weniger ein Glaubensbekenntnis als eine Aufforderung an Deutsche, Dresdner Bank und Co, sich an der Rettung der Gewerkschaftsbank zu beteiligen.

Denn auf insgesamt 2,4 Milliarden Euro schätzt die Frankfurter Rundschau die Zuschüsse, die die BGAG, die Gewerkschaften selbst sowie das BHW in den vergangenen drei Jahren schon aufgebracht haben, um eine Pleite der AHBR zu verhindern. Um diese Summe finanzieren zu können, mussten die Gewerkschaften unter anderem im Oktober das BHW an die Postbank für geschätzte rund 700 Millionen Euro und später die BauBecon, eine Immobiliengesellschaft, für geschätzte rund eine Milliarde Euro verkaufen.

Weitere 200 Millionen Euro werden nun zudem als Mitgift für Lone Star fällig, davon bringen 110 Millionen Euro die Gewerkschaften und 90 Millionen Euro der Beamtenbund auf. Der Fonds war der einzige Kaufinteressent, der in der Kürze der Zeit ein Angebot für das marode Bankhaus gemacht hat. Grotesk dabei: Lone Star ist ein so genannter Geierfonds, der noch radikaler als die auch von den Gewerkschaften als "Heuschrecken" gebrandmarkten Beteiligungsfonds auf hohe Renditen – in der Regel mindestens 25 Prozent – ihrer Investments achten.

Nicht Aktionäre, sondern Gewerkschaftsmitglieder müssen dabei diesmal mit ihrem Geld geradestehen für ein Lehrstück über die weitverbreitete Zockermentalität in Banken, den gewissenlosen Umgang mit Risiken und Größenwahn – und die Gefahren moderner Finanzinstrumente, Derivate genannt.

Fehler Nummer eins: Negative Marge

In immer größerem Umfang gewährte die Bank seit Mitte der neunziger Jahre Bundesländern wie Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg langfristige Kredite. Diese nutzte sie als Deckungsmasse für ihre Pfandbriefe. Die verkaufte sie am Kapitalmarkt und refinanzierte so die Kredite.

Das Problem dabei: Die Kreditzinsen, die die AHBR von den Ländern bekam, waren niedriger als die, die sie selbst an die Käufer ihrer Pfandbriefe für solche langen Laufzeiten hätte zahlen müssen. Sinn machte so ein Geschäft nur unter einer Voraussetzung: dass die langfristigen Zinsen sinken. Das war der Hoffnungswert, auf den die Banker setzten. Deshalb finanzierten sie die Kredite zunächst über kurzfristig aufgenommenes Geld. Das war ein recht komfortables Geschäft, denn die Zinsen für kurze Laufzeiten lagen damals deutlich unter denen für längere Laufzeiten – die Bank machte Gewinn. Selbst wenn die Wette auf sinkende Zinsen nicht rasch aufging, tat das anfangs nicht weh. Denn das Bundesland zahlte beispielsweise fünf Prozent Zinsen für seinen Kredit, die AHBR refinanzierte sich kurzfristig zu vier Prozent. Lagen die langfristigen Kapitalmarktzinsen irgendwann dann deutlich unter fünf Prozent, emittierte die Bank einen Pfandbrief mit entsprechender Laufzeit – und hatte die Wette gewonnen. Zwischen 1995 und 1999 lief das Geschäft reibungslos – dank kontinuierlich sinkender Zinsen. Die AHBR-Experten drehten ein immer größeres Rad, die Bilanzsumme vervierfachte sich zwischen 1994 und 1998.

Fehler Nummer zwei: Größenwahn