Als Ralf Däinghaus vor fünf Jahren seine Internet-Apotheke gründete, war der Markt für Medikamente aus dem Web klein und der Widerstand groß. Heute steht der 38-Jährige an der Spitze von Europas größter Versandapotheke DocMorris. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz der niederländischen Firma auf 130 Millionen Euro; mit einer Million Euro war Däinghaus gestartet. Derzeit beliefert DocMorris in Deutschland rund 670.000 Kunden. Grenzen des Wachstums sieht Däinghaus nicht. Man könne noch drastisch zulegen. "Mit der Gesundheitsreform haben wir einen riesigen Schritt nach vorn gemacht", sagt Däinghaus. BILD

Seit der Reform Anfang 2004 ist der Versand apothekenpflichtiger Arzneimittel in Deutschland erlaubt. Seither sind auch deutsche, niederländische und britische Online-Apotheken für den hiesigen Markt zugelassen. Vorher war der Handel weder geregelt noch überwacht. Mehr Wettbewerb, niedrigere Preise und bessere Qualität für den Bürger versprachen sich Politiker, Krankenkassen und Verbraucherschützer von der Marktöffnung. Knapp zwei Jahre später sind noch längst nicht alle Erwartungen erfüllt. Der Wandel aber ist spürbar.

Internet-Apotheken haben sich etabliert und machen rund 1,5 Prozent des Umsatzes auf dem 30 Milliarden Euro großen Arzneimittelmarkt aus. Knapp 1400 Versandapotheken sind derzeit zugelassen, ihre Zahl steigt. Handfeste Kostenvorteile sind bislang zwar nur in Teilbereichen und für bestimmte Verbrauchergruppen erkennbar. Kaum zu übersehen ist aber, dass die Online-Anbieter als Korrektiv der Ortsapotheken und Türöffner hin zu einer weiteren Liberalisierung eine wichtige Rolle spielen. "Es sind Zwerge im System, aber diese Zwerge haben viel Bewegung in den müden Markt gebracht", sagt Gerd Glaeske, Professor am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung für das Gesundheitswesen.

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Profiteure des Online-Handels sind derzeit vor allem chronisch kranke Patienten, die in größeren Mengen teure Medikamente benötigen und ihren Bedarf im Voraus planen können. Viele von ihnen bestellen ihre Arznei inzwischen in den Niederlanden. Dort sitzen die großen Anbieter DocMorris und die Europa Apotheek, die rezeptpflichtige Medikamente zum Rabattpreis nach Deutschland liefern. DocMorris, das 75 Prozent seines Geschäfts mit chronisch Kranken macht, schreibt etwa Kunden für jedes eingereichte Rezept die Hälfte der Zuzahlung gut oder zahlt sie aus. Ab zwei Rezepten ist zudem der Versand frei. Abgerechnet wird direkt zwischen Anbieter und Krankenkasse. Diabetiker zum Beispiel können nach Schätzungen des Unternehmens so durchschnittlich mehr als 100 Euro im Jahr sparen.

Auch deutsche Apotheken wollen sich einen Teil des Kuchens sichern und engagieren sich verstärkt im Online-Vertrieb. Die Mehrheit betreibt den Versand aber nur als Nebengeschäft parallel zur eigenen Ortsapotheke, die als Basis für den Internet-Handel zwingend vorgeschrieben ist. Für lediglich ein halbes Dutzend ist der Versand zum Haupterwerb geworden. Gegenüber der Konkurrenz aus dem Nachbarland gibt es allerdings einen Nachteil: Deutsche Internet-Apotheken sind an die inländischen Festpreise für rezeptpflichtige Arzneimittel gebunden. Sie können daher in diesem lukrativen Segment keine Rabatte gewähren. Die Niederländer sind zwar am deutschen Markt zugelassen, können ihre Preise aber nach dem eigenen, liberaleren Recht ausgestalten.

Deutsche Internet-Apotheken bemühen sich daher verstärkt, Kunden mit Preisrabatten für rezeptfreie Arzneimittel zu gewinnen. Klassiker wie das Schmerzmittel Aspirin werden im Internet häufig bis zu 30 Prozent billiger angeboten als in der Apotheke um die Ecke. Doch zum einen schwanken die Preise je nach Anbieter und Zeitpunkt deutlich, zum anderen müssen Versandkosten einkalkuliert werden, die oft erst ab einem Bestellwert von 40 Euro erlassen werden. Für Schnäppchenjäger, die in großen Mengen einkaufen, kann das lohnend sein. Wer hingegen wegen akuter Beschwerden schnell eine Packung Tabletten braucht, spart kaum etwas und muss länger auf sein Medikament warten.z