Weihnachten ist die Hölle. Es ist zehn Uhr morgens im KaDeWe, und in Deutschlands führendem Warenhaus ertönt bereits die Hymne der fünften Jahreszeit, Do they know it’s Christmas? von Band Aid. Jede überheizte Einkaufsetage hat ihre eigene Folterecke, jeder Kunde wird individuell für seine im Laufe des Jahres begangenen Sünden bestraft. Unverkennbar der quälende Verdruss im Gesicht des Mannes – glatt rasiert wie eine Billardkugel – bei dem Versuch, einer geduldigen Verkäuferin in der Parfumabteilung den Duft seiner vernachlässigten Frau zu beschreiben. Die Verkäuferin folgt seinen Gesten mit ruhigen Blicken; ein Mann, der sich nicht an den Duft seiner Frau erinnern kann, verdient die Anstrengung. "Blumig, ähm, süß. Sie ist ganz vernarrt in diesen Duft… Verdammt. Wenn ich nur auf den Namen käme!" BILD

"Warum gehen Sie nicht nach Hause und fragen sie, was Sie ihr letztes Jahr geschenkt haben?", schlägt die Verkäuferin mit einem fein zerstäubten Anflug von Ironie vor.

Anderswo, in der Spielwarenabteilung, schimpft eine ältere Dame mit einer entnervten Mutter, weil diese mit ihrer entnervten Tochter geschimpft hat – drei Generationen im fünften Stock des KaDeWe, durch die üblichen saisonalen Frustrationen verbunden. Es sind die Männer, die als Erste zusammenbrechen. Warenhäuser sind nicht für Männer gemacht. "Hör zu, du wartest hier!", schnauzt eine entschlossene Matrone, während sie sich im Militärschritt in die Masse stürzt. Ihr Mann sinkt mit einem Seufzer, einem leisen Pfeifen wie aus einem gestochenen Reifen, auf einen der drei Ledersessel in der Nähe des Aufzugs. Andere Männer simulieren ein Interesse für Schuhe – "Probier doch diese mal, Liebling!" –, um einen Sitzplatz zu finden. In einer Schuhabteilung gibt es immer Sitzplätze.

Breath of Berlin ist der letzte Schrei in der Parfumabteilung

Dies ist, nach einer modernen Definition, ein Sparflammen-Weihnachten. Nicht in demselben Maße wie in den 1950ern natürlich, auf seine Weise komplexer. Nie zuvor hatte Deutschland eine so breit gefächerte Auswahl. Weihnachten ist zu einem globalen Event geworden. Die Regale sind so voll wie die Ausstellungsräume asiatischer Nachahmer-Autohäuser: Die Chinesen haben den deutschen Geschmack gründlich studiert, sodass sie heute ein fast perfektes Trugbild eines deutschen Weihnachtserlebnisses produzieren können, nur billiger.

Um auf authentische Weise deutsche Weihnachten zu feiern, muss man draufzahlen. Es handelt sich daher nicht um ein hysterisches Gerenne nach Luxusprodukten. Vielmehr ist es die Suche nach Authentizität. Nach dem echten deutschen Weihnachten. Das KaDeWe in Berlin, über 2000 Mitarbeiter, Flaggschiff des Karstadt-Konzerns, floriert in diesem seltsam angestrengten Klima, ebenso wie Harrod’s in London zu einem der wenigen Plätze auf der Welt geworden ist, an dem man den echten englischen Weihnachtspudding bekommen kann (die Alternative, den Pudding selbst zu kochen, wird von der großstädtischen Mittelklasse als alberne Idee verlacht). So wurde aus Weihnachten in Deutschland ein schizophrenes Fest für Leute mit Geld, auf der Suche nach einem Weihnachten, das möglichst nah an das Erlebnis früherer Generationen herankommen soll, und ein Fest für Leute ohne Geld, die für ihr Glück improvisieren müssen.

Etwa 560.000 Berliner leben von Hartz IV: mehr als eine halbe Million Menschen, die nicht einmal im Traum daran denken, sich den letzten Schrei aus der Parfumabteilung (Breath of Berlin) leisten zu können. Die Flasche ist der Form des Berliner Fernsehturms nachempfunden und kostet 49 Euro.

Tatsächlich gibt es in Deutschland eine Konsumflaute. Das Beratungsunternehmen Deloitte ermittelte, dass der persönliche Geschenke-Etat in diesem Jahr neun Prozent unter dem von 2004 liegt. Die Heizrechnung für die Wintersaison wird happig; Volkswagen, Siemens und andere Unternehmen kündigen Entlassungen an; das Weihnachtsgeld wurde gekürzt oder gestrichen. Das Rennen um die preiswertesten Geschenke ist eröffnet. Weniger Geld, mehr Stress. Das KaDeWe, eines von Europas luxuriösesten Kaufhäusern, ist gegen das Gerangel nicht immun: daher die samstäglichen Fegefeuer.

Sorgen bereitet aber auch die umgekehrte Problemlage: mehr Geld, weniger Zeit, mehr Stress. "Gestern stolperte ein Mann herein, zeigte mit dem Finger auf eine Weihnachtspyramide und sagte: Die nehme ich", sagt Hartmut Decker, Dekorationsspezialist beim KaDeWe. "Die Pyramide kostete 2000 Euro. Er hatte offensichtlich nicht sehr viel Zeit." Wie kann eine Weihnachtspyramide so viel Geld wert sein? Obwohl: Je mehr die sechs Stockwerke des Kaufhauses wie eine verkürzte Version von Dantes neun Kreisen der Hölle erscheinen, desto eher beginnt man zu verstehen. Niemand will eigentlich hier sein, Weihnachten findet woanders statt. Und wenn 2000 Euro ein Loch in deine Tasche brennen, wenn sie einen schnellen Ausweg darstellen, dann ergreife die Gelegenheit, carpe diem!

Nur der Weihnachtsmann mit seinem lilafarbenen napoleonischen Hut scheint halbwegs glücklich zu sein. Auf seinem roten Thron unter einem künstlichen Weihnachtsbaum sitzend, sendet er ein ehrliches Lächeln aus, seine Wangen glühen apfelrot, ohne die Zugabe von Rouge. Sein Name, sagt er, sei Peter von Weihnachten, ehemals modelte er für Jean Paul Gaultier. Als Schauspieler konnte man ihn zuletzt in dem Sandalen-und-Toga-Streifen Troja sehen, kurz hinter Brad Pitt. "Ich war ein Bösewicht, der Köpfe abhackt." Seit sieben Jahren fungiert er hier als Symbol für Berlins kommerzielles Weihnachten. Eine wachsende Anspannung spürt selbst er. "Auch der Weihnachtsmann muss mal pinkeln gehen."

Ein Warenhaus ist eine kapitalistische Maschine, entworfen, um Menschen zum Geldausgeben zu animieren. Es ist gleichsam das empfindlichste Barometer der allgemeinen Stimmung. Jeden Abend, jede Woche wird Bilanz gezogen: Was verkauft sich gut, welches sind die Staubfänger? Handel ist Wandel. Seit es 1907 von Adolf Jahndorf gegründet wurde, hat das KaDeWe sich immer wieder an wechselnde Umstände angepasst, hat selbst in der tiefsten Inflation und während des Krieges, während Wiederaufbau und Wiedervereinigung Mittel und Wege gefunden, um Profit zu machen. Es wächst organisch, unabhängig davon, ob Berlin boomt oder sich am Rande des Bankrotts bewegt. Als 1943 ein amerikanisches Flugzeug in den Lichthof stürzte, wurde das Gebäude beinah vollständig zerstört. Doch bereits 1950 waren die ersten beiden Etagen wieder aufgebaut: der Neuanfang.

Die Verkaufsfläche betrug 1978 bereits 44.000 Quadratmeter. Mit Deutschlands Wachstum vergrößerte sich auch das KaDeWe und umfasst heute um die 60.000 Quadratmeter: Nur Harrod’s in London ist größer. Es macht daher Sinn, in dem Kaufhaus mehr als nur ein Kaufhaus zu sehen. Vielmehr ist es ein Sinnbild für Deutschland, wie es gesehen werden will. Der Name Kaufhaus des Westens entstand, lange bevor "Westen" zu einer ideologischen Kategorie wurde. In den Augen vieler Berliner war es eine Art zivilisatorische Messlatte: Wie viel Konsum, wie viel Luxus verträgt eine Gesellschaft? An welchem Punkt wird das Angebot – Hunderte von Fleischsorten – dekadent?

Verkäufer mit Gespür für die Balance zwischen Reich und Arm

Das KaDeWe hat keinen hausinternen Intellektuellen. Es hat Bäcker, Schneider und Detektive, aber keine Theologen, Philosophen oder Dichter. Dafür hat es Tradition. Die Interpreten dieser Tradition sind seine Verkäufer, sie haben ein Gespür für die feine Balance zwischen Reichtum und Armut, zwischen deutschen Produkten und dem internationalen Wettbewerb. Die großen alten Warenhäuser – das KaDeWe in Berlin, Harrod’s in London, Lafayette in Paris – tragen eine Verantwortung. Nicht nur gegenüber dem Kunden und dem Chefbuchhalter, sondern gegenüber einer verlorenen Welt von Dienstleistung, Fleiß und Qualität. Diese sekundären Tugenden finden hier, eher als in irgendwelchen Kasernen oder Klassenräumen, ein Zuhause. Die samstäglichen Kaufmassen sehen zwar aus, als ginge es darum, von einem sinkenden Schiff in die Rettungsboote zu fliehen. Tatsächlich suchen sie aber Solidität – ein wichtiger Baustein der deutschen Identität.

Wo ließe sich also besser der deutschen Fähigkeit zu feiern nachspüren als hier? Weihnachten dreht sich um Kindheitserinnerungen, um das Gefühl von etwas Intaktem. Jedes einzelne Geschäft in diesem kapitalistischen Universum bemüht sich, genau diesen emotionalen Knopf zu drücken. Das heißeste Spielzeug der Saison ist der Roboraptor, die Weiterentwicklung der Plastikdinosaurier, mit denen frühere Generationen auf den Opel-Rücksitzen spielten. Das war das Jurassic-Park-Weihnachten. Der Roboraptor lässt sich programmieren, er brüllt, er dreht mit bedrohlicher Manier seinen Kopf. Er kostet 149Euro und ist unsinniger, übervermarkteter Müll. Die einfache, sentimentale Wahrheit ist jedoch, dass vielen Eltern ein Kinderlächeln, ein jauchzendes Entzücken, mit dem Kindheitserinnerungen an vergangene, glücklichere Weihnachten geweckt werden, dieser Preis wert ist.

Warenhäuser wissen, dass Weihnachten für die Deutschen durch die Nase geht, durch den Mund, die Finger, die Augen und manchmal durch die Ohren. "Orange und Zimt", sagt Hartmut Decker, "damit wollten wir ursprünglich unsere Schaufenster füllen." Der Duft von Weihnachten sollte aus den Schaukästen heraus auf die Straße hinüberwehen – eine Art Loreley für die Nase. Das hat am Ende nicht geklappt, entweder verströmte zu viel Duft oder zu wenig. Vielleicht im nächsten Jahr. Bis dahin muss das Warenhaus sich mit der Lampe Berger begnügen, der Erfindung eines französischen Apothekers aus dem 19. Jahrhundert. Spezielle Duftkerzen sollen unangenehme Gerüche vernichten und die Stimmung heben: töten und verführen, das klassische französische Zweiergespann.

So viele verschiedene Düfte haben sich in der Parfumabteilung zu einem gigantischen olfaktorischen Eintopf vermengt, dass nicht einmal die Leiterin, Frau Renate Engelmann, sie einzeln bestimmen kann. Herausfiltern lässt sich nur so viel: Weihnachten ist eine Zeit für Verliebte, die ihre Identität verbergen wollen, um in flackernden Gedankenbildern zu Promis zu werden. Es fällt schwer, RTL dafür nicht verantwortlich zu machen. Es gibt einen Paris-Hilton-Duft für all diejenigen, die riechen wollen wie die Frau, die mit Rick Salomon, Nick Carter und Paris Latzis geschlafen hat. Und es gibt einen David-Beckham-Duft für diejenigen, die den heißen Schweiß nach einem Neunzigminüter überdecken wollen – oder den kalten Schweiß, der entsteht, wenn man bei einer heißen Liebesaffäre von seiner viel geplagten, kosmetisch aufbereiteten Ex-Spice-Girl-Frau in flagranti ertappt wird. Beide Düfte verkaufen sich traurigerweise gut.

Auf der Suche nach Deutschlands teuerstem Duft watet man durch die gemächlich schlendernden Massen zu La Prairie. Angeblich verkauft das Unternehmen Parfums für 2000 Euro pro Flasche, den Preis eines gebrauchten Golf, der verschämt in der Passauer Straße, in der Nähe des Seiteneingangs des KaDeWe, geparkt wurde. Für den Preis von zwei Flaschen bekäme man bereits eine einfache Schönheitsoperation, ein Gesichtslifting oder sogar eine neue Nase.

Zu tieferen Gedanken über die verdrehten Standards der Luxusökonomie kommt es nicht, denn beim Herantreten an einen Kosmetikstand steht dort eine Frau, die aus der Masse so heraussticht wie eine Wagner-Liebhaberin auf einem Robbie-Williams-Konzert. In ihren Händen hält sie einen roten Cashmere-Pullover, den sie immer wieder an die Nase führt. Die Kundin hat eine lange, gebogene Nase in einem mandelförmigen Gesicht. Der Pullover, erklärt sie einer vorbeilaufenden Verkäuferin, gehörte einmal ihrem Vater. Er ist vor zwei Jahren gestorben, kurz vor Weihnachten 2003, bevor er seine Geschenke aufgemacht hat. Der Pullover riecht noch nach seinem Aftershave, doch der Duft verfliegt langsam. Sie möchte den Duft nachkaufen: sozusagen ihren Vater in einer Flasche, ein verlorenes Weihnachten zurückholen. Die Verkäuferin schaut unglaublich traurig drein. Trauriger als die hinterbliebene Tochter. Sie schüttelt den Kopf, zwei-, dreimal: Es ist nichts mehr da, nicht die Spur eines Geruchs. Die Augen der Tochter werden etwas glasig, und sie geht weiter, den Pullover in der Hand.

Es gibt ganz traditionelle Düfte, die möglicherweise alte Geister wiedererwecken: Kneze, zum Beispiel, ein österreichischer Männerduft, ursprünglich 1858 auf tschechischem Boden hergestellt. Es ist ein Habsburger-Duft und ist irgendwo hinten im Regal verstaut, wie eine absonderliche Ausgabe eines Gedichtbands in einem Buchladen. Nein, die Tochter suchte nicht Kneze oder einen dieser herb-maskulinen englischen Düfte, sondern einen verlorenen Teil ihrer selbst.

Von der Rolltreppe aus betritt der Kunde eine Duftwolke: Mandelspekulatius, Zimtsterne, die handgemachten, doppelt gefüllten Dominosteine, all das vermischt sich mit dem Geruch frisch gerösteter Kaffeebohnen. Herr Könnecke glaubt: "Schokolade ist hauptsächlich eine Sache für Erwachsene." Aber die pastellfarbenen Marzipanwürfel und die babypinkfarbenen Rosehips haben wenig Erwachsenes. Der Film Chocolat, mit der zart verführenden Juliette Binoche in der Hauptrolle, hat die Kraft des Schokoladenparfums vorgeführt: Eine Chocolaterie eröffnet direkt gegenüber der örtlichen Kirche, und der Priester identifiziert die Inhaberin als Gefahr für seine Herde.

Schokolade stellt grundsätzlich eine Herausforderung an die christliche Hingabe zur Selbstverleugnung dar. Ganz natürlich ist die Schokoladenabteilung im KaDeWe – die süchtig machenden Aromen von Butter, Zucker und Kakao – das heidnische Herz des KaDeWe. Das ist es, was den Einkäufer durch all den Tumult bis in die Feinschmeckeretage im sechsten Stock treibt und ihm (öfter: ihr) das gehobene Bewusstsein vermittelt, dass Weihnachten einen Deutschen mehr als alles andere durch Nase und Mund erreicht. Die anderen Sinne sind nicht unwesentlich, aber zweitrangig.

Zur Traditionspflege gibt es Wurst und Kartoffelsalat

"Bei uns gab es an Heiligabend immer Wurst und Kartoffelsalat", sagt die Kundin Gertrud Bender, die im Alter von 64 Jahren immer noch die Rezepte der Menüs aus den 1950er Jahren herunterbeten kann, Gang für Gang. "Wir hatten kaum Geld für Lebensmittel, aber darum ging es nicht – wir wollten Mutti eine Ruhepause gönnen." Wurst und Kartoffelsalat gehört bis heute in vielen Haushalten zur weihnachtlichen Tradition – das KaDeWe hat 1200 Wurstsorten im Sortiment, sodass das Menü keineswegs monoton sein muss. Wurst oder nicht Wurst – wenn Mutti reich genug ist, muss sie keinen Finger rühren. "Zu Weihnachten bieten wir eine Hausplatte an", sagt Norbert Könnecke, "dann gibt es noch die Hummerplatte, die Wildplatte, die Fischplatte. Insgesamt versenden wir über 1000 Platten an Heiligabend, die wir mit 17 Fahrzeugen ausliefern." Schwer vorstellbar: Dunkelheit senkt sich über Berlin, bei den Kindern wächst die Ungeduld, die letzten Kugeln werden an die Nordmanntanne gehängt, und plötzlich klingelt es an der Haustür. Weihnachtsessen auf KaDeWe-Rädern.

Norbert Könnecke, der Chef des Feinschmeckerimperiums mit 500 Angestellten, verrät nicht, was er von dem neuen Trend hält. Seine Laufbahn verweist auf eine Liebe für das Kulinarische – "meinen Beruf habe ich in einem kleinen Fachgeschäft in Nassau gelernt, dort wurde der Kaffee selbst geröstet, die Milch lose verkauft, Quark selbst produziert." Der 57-Jährige ist ein Vorbild an Diskretion, im Nadelstreifenanzug wie ein Manager aus Vicki Baums Grand Hotel, jedoch mit der Haltung eines Botschafters, der die Belange einer Delikatessen-Republik vertritt. Er behält sich Urteile vor, er jammert nicht über die Tatsache, dass das meistverkaufte Produkt eine Senfsorte ist, die in einem bärförmigen Töpfchen daherkommt (12000 verkaufte Bärensenftöpfchen in diesem Jahr). Dennoch: ein Mann, der sich in seinem Leben mit einer solchen Leidenschaft mit gutem Essen beschäftigt hat, muss angesichts der siechenden Kochfreude des deutschen Bürgertums ein stilles Bedauern hegen.

An Quadratmetern gewinnen die kulinarischen Angebote jedes Jahr mehr Raum, allerdings nicht im selben Maße, wie die für Restaurants aufgewendete Fläche zunimmt: 33 Verzehrstände mit über 1000 Sitzplätzen. Champagner-Bars, Veuve Clicquot und Moët, eine Auster-Bar, eine Sushi-Bar mit einem Sushi-Meister. Die Kundschaft ist ein Kaleidoskop der Berliner Szene: ein Schüsschen Adel, ein Luxusauto-Verkäufer, der sagt, er müsse für die Gesundheit täglich zwei Gläser Moët trinken ("Glauben Sie mir etwa nicht? Hier, ich zeige Ihnen das Attest vom Arzt!"), ein Anwalt, Männer (die meisten sind Männer), die vor ihren Frauen und ihren Schreibtischen fliehen.

Man spürt das Unbehagen des Feinschmeckermanagements, der Hohen Priester des Feinschmeckertempels: Wenn man sich die Mühe macht, das Personal dafür zu schulen, exotische Früchte zu beschreiben, Vorträge über Straußeneier zu halten, dann will man, dass das Essen ernst genommen und nicht nur als Fototapete für einen gemütlichen Plausch verwendet wird. Doch über ihre Lippen kommt kein Wort.

Handtaschen für die Kundinnen aus St. Petersburg

Nahrungsmittel unterliegen einer dynamischen Entwicklung. Auf dem deutschen Essensplan gibt es eine neue Vorliebe für fettarme Kost und eine wahre, irgendwie paranoide Neugier, was die Herkunft der Lebensmittel angeht. Gans, Ente und Pute sind weiterhin die beliebtesten Weihnachtsvögel, selbst im Zeitalter der Vogelgrippe – Weihnachten ist immun. "Heute geht man aber deutlich weg von der gefrorenen Ware", sagt Herr Könnecke, und endlich spürt man bei ihm so etwas wie Zustimmung. "Vielmehr leistet man sich frische Tiere, die natürlich aufgewachsen sind und sich frei laufend ernährt haben, und am liebsten möchte man auch noch wissen, bei welchem Bauern sie auf der Weide gestanden haben."

Das KaDeWe bietet eine gewisse Beruhigung. Die Kunden zahlen nicht allein für qualitativ hochwertiges Fleisch, sondern außerdem für seelische Unterstützung, die Vorstellung, dass sich mit Geld auch Sicherheit erkaufen ließe. Diese in den 1950er Jahren und den Wirtschaftswunderjahren wurzelnde Vorstellung bleibt eine der machtvollsten Illusionen deutscher Politik.

Zu einem Warenhaus wie dem KaDeWe kommt man also nicht allein wegen der breiten und pompösen Auswahl (300 Sorten Whisky, 60 Sorten französisches Brot und so fort), sondern weil es sich um eine durch Geld geschützte Welt handelt. Die Gefahr, dass man sich im KaDeWe eine Lebensmittelvergiftung zuzieht, liegt ungefähr bei null. Viel zu viel Geld wird dafür investiert, frische Ware zu kaufen, zu kontrollieren, nach Verfallserscheinungen abzusuchen. Lässt sich jedoch das deutsche Weihnachten beschützen?

Der Geruch von Schokolade am Knotenpunkt der Feinschmeckeretage ist irreführend. Tatsächlich hat das Haus fast alle anderen Gerüche verbannt. Manche Gerüche lassen sich nicht vermeiden – geräucherter Fisch, zum Beispiel –, aber die vielen hundert Käsesorten werden sorgfältig unter Plastikfolie gehalten. Sie liegen nicht auf Stroh, sie dürfen nicht atmen, wie es die französische Tradition vorsieht. Natürlich darf man bei Nachfrage die weißen Trüffel aus Alba beschnuppern, die schwarzen Wintertrüffel aus Perigord, die Außer-Saison-Erdbeeren und den Camembert. Aber den Gerüchen ist es nicht gestattet, den Kunden entgegenzuspringen. Die Deutschen ziehen mittlerweile die Hygiene der Sinnlichkeit von Geruch und Geschmack vor. Was wollte man anderes erwarten? Warum sollte eine so risikoscheue Gesellschaft ein Stück Käse mit Schimmel drauf essen, nur weil der Schimmel den Geschmack verbessert? Das deutsche Weihnachten ist steriler geworden, als es noch vor zwei Jahrzehnten war; die Küchen sauberer gescheuert.

Wenn man Volodya K., einem Kunden aus der Ukraine, durch die Lebensmittelabteilung folgt, spürt man natürlich, dass man auch ganz anders feiern kann. Er stellt gerade die Zutaten für ein ukrainisches Weihnachtsessen zusammen. Das KaDeWe hat schnell begriffen, dass es in Berlin eine große russische Kaufkraft gibt. So wie in den Boutiquen am Olivaer Platz ist der Bedarf nach russisch sprechenden Angestellten groß. Die Designerbranche hat sich längst an den Anblick gewöhnt: Mütter mit Töchtern, die montags aus St.Petersburg geeilt kommen und haufenweise Handtaschen kaufen. Daneben gibt es die großen ukrainischen und polnischen Communities an Ort und Stelle, mittlerweile ist das KaDeWe zum größten Verkäufer von Karpfen aufgestiegen.

"Schau sie dir an", sagt Volodya K., der ein Import-Export-Unternehmen besitzt, "wie ich ihre gierigen Augen liebe." Er greift – natürlich – nach dem toten Fisch. "Wenn ihre Augen leuchten und glänzen, heißt das, dass sie frisch sind." Die anderen Zutaten eines slawischen Weihnachtsessens sind ebenfalls schnell gefunden: die Pierogi, Borscht-Essenzen. Volodya kauft den Karpfen lieber lebendig, hält ihn in einer Wanne und tötet ihn dann selbst. Er schält auch die Roten Beete lieber selbst und rollt die Pierogi. "Mein Haus wird zu einer Besatzungszone, mit einmarschierenden Truppen von Weihnachten und Silvester." Er seufzt angesichts der alljährlichen Schlachten um diese Jahreszeit. "Es ist ein großes Durcheinander, aber es ist warm, die Familie flucht und zetert, aber so soll es sein – Weihnachten ist ein Prozess."

Bissen für Bissen, Schluck für Schluck hat das deutsche Weihnachten sein Deutschsein aufgegeben. Die Geschmacksrichtungen sind abenteuerlicher geworden – vorausgesetzt natürlich, dass "deutsche Standards" bei den importierten Lebensmitteln erhalten bleiben. Gans und Ente aus Polen gehören mindestens seit den 1920er Jahren zu den festen Bestandteilen von Weihnachten, der Wein kommt höchstwahrscheinlich aus Frankreich. 12000 Flaschen Champagner werden jedes Jahr vor Weihnachten im KaDeWe verkauft. "Wir haben ein halbes Dutzend 1907er Flaschen Heidsieck Monopol Champagner", sagt Herr Könnecke. "Dieser Champagner war auf dem Weg zum Zaren nach St. Petersburg, das Schiff sank und wurde erst nach über 90 Jahren wieder gehoben. Entgegen allen Befürchtungen ist er erhalten geblieben." Das Meerwasser hat ihn konserviert. Eine Flasche kostet über 4000 Euro. Während des diesjährigen Sparflammen-Weihnachten sind vier verkauft worden.

"Fühlen Sie das mal", sagt Herr Bernd Metzler, Leiter der Spielwarenabteilung. Die Steine sind glatt, schwer und nicht nur für Kinder mit mörderischen Absichten perfekt, sondern ebenfalls für ausgewachsene Architekten – ein kurzer Wurf mit so einem Ziegelstein, und kleine Streitigkeiten sind in null Komma nix beigelegt. Die Steine werden im thüringischen Rudolstadt hergestellt, in einer der wenigen ostdeutschen Spielmanufakturen, die nach der Wende überlebt haben. Wenn es Organisationen nach dem Muster "Rent a Grandfather" gäbe, wäre Herr Metzler der Vorsitzende. Er hat ein zerklüftetes, rotes Gesicht – mehr Seefahrer als Verkäufer – und eine Leidenschaft für Spielzeug. Im Laufe der Jahrzehnte hat er die deutsche Wirtschaft dahinsiechen sehen. Gleichzeitig hat er aber auch Wege gefunden, sich gegen die Chinesen zu wehren. Von allen Abteilungsleitern im Haus ist er es vielleicht, der einem moralischen Wächter am nächsten kommt, ein Verfechter kindlicher Unschuld und deutscher Handwerkskunst.

Für Eltern, die zwischen Plastik und Holz unterscheiden können

Um ein Militärspielzeug zu finden – ein Maschinengewehr oder eine Cowboypistole – muss man im vierten Stock des KaDeWe schon sehr genau suchen. Es gibt einige Modellsoldaten, die Nachfolger der Elastolin-Figuren, mit denen Kinder in den 1950er Jahren gespielt haben. Heute wie damals gehören einige der Soldaten der Wehrmacht an. "Wir haben uns entschieden, nur die Militärkapelle zu lagern", betont Metzler. Tief unten im Schaukasten, so tief, dass man sich im Grunde schon auf den Boden legen muss, gibt es eine Erwin-Rommel-Figur, den Wüstenfuchs mit einem Afrika-Korps-Auto: Harmlos genug, doch es ist symptomatisch für Herrn Metzlers Bemühen, junge Deutsche abzuschirmen. Die Computerkonsolen bleiben ausgeschaltet, bis die Schule zu Ende ist, und die installierten Spiele sind für die Altersgruppe 0 bis 6 Jahre: allesamt Maßnahmen des Abteilungsleiters, um Kinder vom Schuleschwänzen und vom Zeitvertrödeln in seiner Abteilung abzuhalten.

Das KaDeWe hat sowohl vollständig deutsche als auch teilweise in Asien hergestellte Produkte auf Lager: das Plastikpuppenhaus und das aus Holz. Der Unterschied, sagt Herr Metzler, liege im Berühren: der glatte Schliff, das Abgerundete und die Festigkeit von Margaret Ostheimers Bauernhöfen. "Die Ware ist gewachst, naturbelassen, und das hat natürlich seinen Preis." Der Trick liegt darin, unter den Käufern die "bewussten Eltern" zu identifizieren. Er meint wahrscheinlich Eltern, die zwischen Plastik und Holz unterscheiden können und bereit sind, den höheren Preis zu zahlen. Das heißt aber nicht, dass alles Plastik schlecht ist – oder sagen wir: undeutsch. "Viele Firmen verlagern heute allein wegen der Logistik in den Ostblock", sagt Herr Metzler, einen etwas veralteten Begriff benutzend. "Playmobil bleibt jedoch im deutschen Handel als Hersteller und Lieferant." Playmobil-Piratenschiffe gehören seit 30 Jahren in ein deutsches Kinderspielzimmer.

In der Spielwarenbranche gibt es gute und schlechte Zeiten. Gute, als das Monchichi das am schnellsten verkaufte Produkt war: ein hässliches kleines Äffchen, das vor 20 Jahren für 19,99 Mark verkauft wurde. "Die Leute haben damals gesagt: Ich zahle Ihnen zwei Mark extra, wenn Sie mir so ein Ding besorgen. Die Monchichis kamen damals rein und waren gleich weg – diese Zeiten sind vorbei." Traurig und anrührend sei es gewesen, "als nach der Wende DDR-Bürger zu uns kamen, um uns Kartons voller Wiking-Autos zu verkaufen." Da musste er erst einmal erklären: "So etwas machen wir nicht."

Die relativ Reichen besitzen relativ wenig Fantasie

Weihnachten in Deutschland dreht sich um Chorgesänge – oder etwa nicht? Stille Nacht? Bach? Britische Kaufhäuser und Galerien sind dieser Tage voll mit singenden Chören, Schulkinder und ihre Lehrer schmettern die bekannten Melodien (Rudolph, the Red-Nosed Reindeer) und rasseln mit Spendenbüchsen. Die normale Reaktion besteht darin, defensiv Deckung zu suchen, in einem Pub oder einer Boutique. Die Gesänge sind in der Regel auf aggressive Weise mittelmäßig. Aber wenigstens gibt es einen spezifischen Weihnachtsklang. Deutschland, so scheint es, ist vor seinen lautlichen Traditionen davongelaufen. Nur in einer Hand voll Kirchen – zumindest im gottlosen Berlin – hat man noch die Chance, ein richtiges Weihnachtslied zu hören.

Selbst in der Musikabteilung im vierten Stock des KaDeWe ist es klanglos wie in einem Fischbecken. Es gibt einige Kopfhörer, aber keiner scheint das limitierte Angebot zu spielen: Zauber der Weihnachten mit Stefan Mross und Stefanie Hertel. Und Whams Last Christmas aus den Tagen, als George Michael noch Frauen mochte. Bing Crosby, natürlich.

"Spielen Sie zu Hause O Tannenbaum?"

Das Mädchen, vielleicht 23, gepiercte Nase, hellblauer Mascara, guckt überrascht. Sie stöbert durch die Independent-Ecke. Da es 11 Uhr morgens ist und wir in Berlin sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie eine Hartz-IV-Empfängerin ist.

"Ich meine, sitzen Sie zu Hause am Klavier und singen an Heiligabend?"

"Ich verbringe Weihnachten mit meinem Freund."

"Aber Ihre Eltern…?"

"Geschieden."

"Vielleicht Ihre Oma. Hat die jemals…?"

Die neue deutsche Taubheit scheint der größte Bruch mit der Vergangenheit zu sein, Musizieren ist zu einer exzentrischen Aktivität geworden. Die Gesellschaft ist zu atomisiert, die Geschmäcker sind zu verschieden, als dass Generationen sich auf eine Ausdrucksform einigen könnten. Die These, dass Weihnachten in Deutschland allein eine sinnliche Erfahrung sei, ein Moment, in dem alle körperlichen Sinne plötzlich aufgeschlossen sind in dem Versuch, die Erinnerungen der Kindheit wiederzuentdecken – diese These lässt sich nicht wirklich halten. Die Deutschen riechen Weihnachten, sie essen und sie fühlen es – aber sie benutzen selten ihre Ohren, und das erklärt einiges über die merkwürdige Verflachung ihres Feierns, die zögernde Vorsicht aller über 14-Jährigen, eine wirklich aufregende Leidenschaft zu entwickeln.

"Die Deutschen sind sehr konservativ in ihrer Art zu feiern", sagt Hartmut Decker, "sie hätten am liebsten alles in Rot und Grün." Tatsächlich sind es unten, in dem kleinen künstlichen Tannenwald im Erdgeschoss, vor allem die roten und grünen, nicht so sehr die lila- oder pastellfarbenen Bäume, die die Kunden dazu verleiten, ihre Digitalkameras zu zücken. Harrod’s präsentiert in diesem Jahr Schaufensterpuppen, die als Transvestiten verkleidet sind, in Strümpfen und Strapsen, schrill und dazu angetan, die Kunden zum Starren zu bringen. "Unvorstellbar hier", sagt Herr Decker. "Weihnachten muss wie Weihnachten aussehen."

Doch innerhalb dieser engen Geschmacksgrenzen sind Innovationen, sind interessante farbliche Statements zum Fest möglich. Der Grund liegt darin, dass die Deutschen – ebenso wie die Schweden, die Dänen und andere Nordeuropäer – wissen, dass die Wurzeln des Weihnachtsfestes vorchristlicher Natur sind und mit der Erschaffung und dem Feiern des Lichts zu tun haben. Briten pilgern an den Ku’damm, weil er heutzutage besser beleuchtet ist – dank der Sponsorentätigkeit des Klo-Königs Hans Wall – als die Regent Street oder die Oxford Street.

Das Glitzern verwandelt sich in der vielschichtigen Kundenpsyche zu einem Appetitanreger für die Schmuckabteilung. Kein anderes europäisches Volk kauft so viel Schmuck, so viel Gold, um es unter den Weihnachtsbaum zu legen. Zum Teil liegt das an dem seit langer Zeit zu beobachtenden Phänomen, dass die relativ Reichen relativ wenig Fantasie besitzen. Frau Claudia Gruber, die Leiterin der Schmuck- und Uhrenabteilung, bestätigt das indirekt. "Jedes Jahr in der Weihnachtszeit sitzen die Männer vor mir und sagen: Ich möchte ergänzen." Ein merkwürdiger Satz.

Frau Gruber pflegt eine Computerdatei über ihre Stammkunden. Wenn eine Ehefrau oder eine Geliebte zum Geburtstag eine Halskette bekommen hat, weiß die diskrete Frau Gruber das. Sie weiß auch, welche weiteren Schmuckstücke zu den vorhandenen passen. Ebenso wie Eltern die Lego-Kollektion ihrer Kinder aufbauen, ergänzen Liebhaber die Schmuckkästchen ihrer Ehefrauen und Freundinnen.

Normalerweise läuft das so ab: Ende Oktober, Anfang November machen Frauen ihre ersten Erkundungsbesuche bei Frau Gruber. Sie probieren vielleicht eine exquisite, 15000 Euro teure Jaeger Le Coultre Reverso. Die Uhr hat zwei Gesichter: praktische, große Ziffern für den Tag, zurückhaltend elegante für den Abend. Die Frau steckt das Feld zunächst allein ab – "70 Prozent sind sehr gut vorinformiert" – und will nur noch fühlen, wie schwer die Uhr ist, im Spiegel das Handgelenk betrachten. Daheim liegen die Zeitschriften, in denen die Uhren beworben werden.

Auf unterschiedliche Weise dezent – am dritten Advent naturgemäß weniger subtil – wird der Mann in die Richtung des Objekts der Begierde gewiesen. An einem Samstagmorgen, in halsbrecherischem Tempo, verprasst er die 15000 Euro. "Männliche Kunden wollen keine Zeit verschwenden, das ist ihre Zielgerade", sagt Frau Gruber, die von allen höheren Angestellten im KaDeWe das sicherste Verständnis der Kundenpsyche zu besitzen scheint. Später wird der Mann mit dem schnellen Geld sich vielleicht in seinem Autositz zurücklehnen und sagen: Oh, mein Gott, was habe ich da getan? 15000 Euro in weniger als fünf Minuten! Selbst die ganz Reichen sind vor solchen Momenten nicht gefeit. Aber Frau Gruber kennt die Wahrheit: dass vor dem 10-Minuten-Kauf des Mannes ein zweimonatiger Entscheidungsprozess liegt.

In der Schmuckabteilung wird erst das Auge gefangen, dann das Hirn

Das KaDeWe organisiert zum Beispiel ein Vier-Gänge-Menü für 40 Stammkunden – das heißt: 20 Paare. In den Pausen zwischen den einzelnen Gängen wandern Models mit den Ausstellungsobjekten von Tisch zu Tisch, präsentieren die neuesten Ringe und Halsbänder, die Kugeln hängen so selbstverständlich an ihnen wie an einem Weihnachtsbaum. Es bedarf schon einer ganz speziellen Sorte männlicher Sturheit, diesem Verlangen nach Schmuck nicht nachzugeben, wenn es in einem solchen Rahmen präsentiert wird. Das Auge ist gefangen, das Hirn folgt.

Frau Gruber, die sich im Laufe der Jahre im Haus hochgearbeitet hat – im Gegensatz zu vielen ihrer Mitarbeiter ist sie keine gelernte Uhrmacherin –, trägt einen KaDeWe-Diamantring, einen Ring von Piaget, ein goldenes Halsband von Bunz, goldene Ohrringe, aber, soweit man das sehen kann, kein goldenes Fußkettchen. Sie sei, sagt sie, "vom Schmuckvirus infiziert". Die Art, wie sie die blaue, mit Diamanten und Saphiren besetzte Vacheron-Uhr auslegt, hat beinahe etwas Mütterliches. Sie wäre, das spürt man deutlich, nicht sehr glücklich, wenn sie verkauft würde. Da sie 93000 Euro kostet, wird der heimliche Wunsch ihr wohl noch eine Weile gewährt bleiben.

Was Frau Gruber, Herrn Metzler und Herrn Könnecke auszeichnet, ist, dass sie so geradeheraus dem Klischee der deutschen Dienstleistungskultur widersprechen. Es herrscht ein nahezu leidenschaftliches Verhältnis zwischen Verkäufer und Produkt. Das Flackern hinter Frau Grubers Brillengläsern, wenn sie über die Vacheron-Uhren spricht, gleicht dem Flackern hinter Herrn Könneckes Gläsern, wenn er über seinen Lieblingswein spricht. Es ist eine leicht ungesunde, zweifellos unpreußische Hingabe zum Handwerk, zu der Schönheit von Dingen. Sie sind keine Verkäufer im normalen Sinne, da der Kunde – obschon lebensnotwendig – nicht König ist, sondern Teil einer komplexen Gleichung. Wer in Frau Grubers Kundenkartei aufgenommen wird, betritt ein heimliches Bündnis mit einer Liebe zu Qualität. Dies ist mehr als eine rein kommerzielle Transaktion. Es ist die gegenseitige Feier des guten Geschmacks, ein Fest für die Augen.

Eine Redensart besagt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Weihnachten in Deutschland glänzt und glitzert, es bezwingt das Auge, aber der Schein kann auch trügen. Der ehemalige Polizist, der "Herr Müller" genannt sein will, kennt sich aus: Er leitet die interne Mannschaft von Hausdetektiven, die durch die Einkaufsetagen patrouillieren. Ein Warenhaus legt seine Waren bewusst verführerisch aus: Es verführt dazu, die ausgelegten Lebensmittel zu essen, auf den Betten zu liegen, sich vor den breiten Fernsehbildschirmen zu fläzen. Da dieses spezielle Warenhaus darüber hinaus dazu beiträgt, das Wesen des deutschen Weihnachtsfestes zu definieren, sendet es an seine Kunden und Besucher ebenfalls eine Art Einladung aus, lässt sie glauben, sie seien Gäste.

Doch was passiert, wenn die Botschaften irgendwie verschwimmen? Was, wenn der Kunde so überwältigt ist von dem Anblick, dass er die Waren in seine Taschen steckt und hinausmarschiert? Herr Müller ist dafür da, diese Menschen aufzuhalten und, indem er das tut, die Wirklichkeit ins KaDeWe zurückzuholen: Weihnachten ist schließlich doch eine Frage des Geldes. "Wenn unsere Kameras jemanden einfangen, der aus einer Dose trinkt, die er nicht bezahlt hat, oder Kekspackungen aufreißt und daraus isst, bevor er sie wieder zurück ins Regal stellt, werden die natürlich nicht in jedem einzelnen Fall juristisch verfolgt. Ich meine, wir haben manchmal einfach nicht das Herz. Wir nehmen uns die Leute vor und erteilen Hausverbot. Das ist dann das Ende der Geschichte."

Besorgt blickt der Detektiv auf die Profibanden

Herr Müller ist elegant-leger angezogen: ein Tweed-Jacket, ein Pullover. Nur seine Schuhe, blank poliert, weisen ihn aus: Sie haben den Glanz eines ehemaligen Soldaten oder eines ehemaligen Polizisten. Der spontane Dieb – "Lieschen Müller, die einen BH in die Tasche steckt" – kommt immer weniger vor, selbst in Zeiten von Hartz IV, selbst in den Tagen vor Weihnachten. "Das Problem sind eher die Banden, die aus dem Ausland gesteuert werden." Das sind die Profis. Sie kaufen einen kleinen Laden in Polen, auf diese Weise kommen sie an Etikettenentferner. Dann, wenn sie die Textilwarenetage betreten, greifen sie eine Hand voll teurer Stücke, nehmen sie mit in die Umkleidekabine, entfernen die Etiketten, stecken die Beute unter ihre eigenen Klamotten und verlassen den Laden. In den Kabinen gibt es keine Kameras: Das KaDeWe ist blind. Die Kameras befinden sich im Eingangsbereich, und die Männer in den Überwachungsräumen bemühen sich, zu zählen, wie viele Kleidungsstücke mit in die Umkleidekabine genommen werden.

In technischer Hinsicht ist die Warenhaussicherheit ein Zusammenspiel aus Kameras – Herr Müller verrät nicht, wie viele es sind – und den Detektiven auf den Etagen. "Theoretisch könnten wir jemanden abfangen, sobald die Kamera zeigt, dass er etwas in seine Taschen gesteckt hat, aber wir warten lieber, bis er den Laden verlassen hat. Das kann bedeuten, dass wir ihn ein, zwei Stunden im Laden verfolgen." An einem Adventssamstag kann das besonders schwierig sein. An diesen Tagen ist, wie wir wissen, die absolute Hölle los.

Oder auch nicht. Während der Recherche für diesen Artikel war es allzu leicht, in das Klischee eines Konsumtempels zu verfallen. Einmal begleiteten wir einen Stammkunden der KaDeWe-Auster-Bar – gut situiert, gesprächig, mit verfügbarer Zeit – nach draußen auf die Tauentzienstraße. An der Straßenecke, gegenüber dem KaDeWe, kniete eine Bettlerin. Vor ihr ausgebreitet lag ein Bild von Mutter Theresa, und ein Kassettenrekorder spielte religiöse Musik. Sie hielt ein Stück Pappe hoch, mit dem sie den Vorbeilaufenden mitteilte, sie habe Diabetes. Ihr Gesicht war rot vor Kälte, nicht vom Glühwein. "Diabetes", sagte der Mann, "lässt sich heutzutage leicht heilen." Mit diesem Satz könnte man einen Weihnachtsbeitrag wie diesen beenden, und es wäre nicht einmal unehrlich: Es gibt reiche und arme Menschen in Deutschland, und sie haben bis heute keine gemeinsame Sprache gefunden.

Doch das Zusammenspiel des KaDeWe und der Straße draußen, zwischen einem Himmel für die Reichen und einem Deutschland, das sich zunehmend arm fühlt, ist komplexer. Das KaDeWe ist eine deutsche Institution, aber eine, die ein besseres Gespür besitzt als ein Großteil des öffentlichen Empfindens, des öffentlichen Geschmacks. Da es auf Qualität konzentriert ist (eher als auf Luxus), haben seine Angestellten eine Art raue Ehrlichkeit an sich. Die Menschen drinnen sind keine Antikapitalisten, aber sie kennen die Grenzen des Kapitalismus. Durch ihre dicken, verschmierten Schaufensterscheiben sehen sie, wie Deutschland sich verändert, was zerfällt, was floriert. Nicht Himmel, aber auch nicht Hölle.

Selbst Peter, der Weihnachtsmann, steht mit seinen Beinen (in warme Stiefel eingepackt) fest auf dem Boden. Wenn die Kinder auf ihn und den gelangweilt guckenden Engel in einem roten Ballerinakleid zukommen, präsentieren sie ihm ihre ausgefallenen Weihnachtswünsche: Playstations und Roboraptors. Peter zieht an seinem langen grauen Bart und sagt in einem hanseatischen Bariton: "Na, wenn du brav bist! Dann wollen wir sehen!" Mach niemals falsche Versprechungen, sagt er später, weder zu Kindern noch zu Erwachsenen.

Es ist ein ganz besonderes Weihnachten, dieses Weihnachten 2005: weniger magisch vielleicht, aber mit einem klaren Blick.

Aus dem Englischen von Dorte Huneke