Berlin

Am vorletzten Wochenende hat sich in Berlin ein Verbrechen ereignet, das selbst abgebrühte Ermittler schockiert. Eine im siebten Monat schwangere junge Frau wurde so brutal mit Fußtritten und Schlägen traktiert, dass ihre Rettung – und die ihres ungeborenen Kindes – einem Wunder gleichkam.

Solche Ereignisse schaffen es selten über die vermischten Seiten hinaus. Doch diesmal scheint das Entsetzen nicht so schnell der üblichen Gleichgültigkeit zu weichen. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf den Zustand des Einwanderungslandes Deutschland. Er zeigt, welche Gefahren drohen, wenn Bildungsprobleme, elterliche Inkompetenz, juveniler Gewaltkult und ein verfehltes männliches Rollenverständnis ineinander greifen. Der Berliner Bildungssenator Böger bekennt, ihm sei "regelrecht schlecht geworden". Maria Böhmer, die neue Staatsministerin für Integrationsfragen im Kanzleramt, sagt, man dürfe sich nicht länger damit begnügen, "immer wieder erschreckt dreinzuschauen, wenn es irgendwo brennt".

Was ist geschehen? Am Abend des 4. Dezember schleppte sich die 15-jährige Jasmin* mit schweren Unterleibsblutungen zur Sporthalle hinter der Hedwig-Dohm-Oberschule in Berlin-Moabit. Die dort Anwesenden riefen Polizei und Notarzt. Noch am Abend wurde ein Not-Kaiserschnitt vorgenommen, um das Ungeborene und die Mutter zu retten. Die Ermittlungen ergaben, dass Jasmin von ihrem 15-jährigen libanesischstämmigen Exfreund Hussein* und dessen 14-jährigem türkischen Freund Demir* zu einer Aussprache auf das Spielplatzgelände nahe der Schule bestellt worden war. Dort griffen die beiden Jungen das Mädchen mit Fußtritten und Schlägen in den Bauch an, "um das Kind zu töten", wie der Polizeibericht sagt. Sie sollen die Schwangere auch gezwungen haben, von einer Kletterskulptur zu springen. Sie ließen erst von ihr ab, als sie blutete. Bevor sie flüchteten, nahmen die Jungen ihr das Handy weg, sodass sie keine Hilfe holen konnte.

Jasmin und Hussein waren Klassenkameraden. Ihre Beziehung hielten sie geheim. Als Hussein wegen schlechter Leistungen vor einigen Monaten auf eine Hauptschule wechseln musste, riss der Kontakt ab. Erst als Jasmins Schwangerschaft im siebten Monat nicht mehr zu verbergen war, weihte sie ihn ein. Wenige Tage später schlug er zu.

Hussein ist bei der Polizei wegen früherer Gewalttaten einschlägig bekannt. Er sitzt jetzt in Untersuchungshaft, schweigt aber zu den Vorwürfen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn und seinen Freund wegen gefährlicher Körperverletzung, versuchten Schwangerschaftsabbruchs und Raubes. Der Diebstahl des Handys, erklärt der Sprecher der Berliner Justiz, Michael Grunwald, könne "ironischerweise" zu einer höheren Freiheitsstrafe führen als die beiden anderen Anklagepunkte. Husseins Freund erhielt Haftverschonung, nachdem er seine Beteiligung an der Tat zugegeben hatte. Zu möglichen Gesundheitsfolgen für Mutter und Kind will sich das Krankenhaus nicht äußern.

Die Verrohung der Täter macht, für sich genommen, schon ratlos. Doch wie soll man sich den Mangel an Empathie in den Reaktionen ihres Umfelds erklären? Jugendliche aus Husseins Umkreis tauchten im Virchow-Krankenhaus auf, um Jasmin unter Drohungen zur Rücknahme ihrer Aussage zu bewegen. Vor der Schule drohten arabischstämmige Jugendliche, Jasmin sei "dran", wenn Hussein ins Gefängnis müsse. Und Husseins Mutter sagt über ihren Jungen, gegen den bereits Verfahren wegen Körperverletzung, Diebstahl und Beleidigung laufen: "Mein Sohn ist noch klein, der bringt keine Mädchen mit nach Hause."

Nach dem Mord an Hatun Sürücü im Februar dieses Jahres – sie wurde von ihrem eigenen Bruder ermordet, weil sie "wie eine Deutsche" gelebt hatte – begann eine überfällige Debatte über die Situation von Frauen und Mädchen in islamisch geprägten Migrantenmilieus. Husseins und Demirs Fall zeigt, wie dringlich eine Beschäftigung mit der Gegenseite ist: den Jungen und Männern.

Lehrer, Psychologen und Sozialarbeiter, die einen zunehmend einsamen Kampf gegen die Folgen einer misslingenden Integration führen, drängen darauf, dass endlich offen über die kulturellen Hintergründe der Gewalt geredet wird, der Jasmin zum Opfer fiel. Inge Sewig, die über 30 Jahre lang am Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasium unterrichtet hat, sieht ein Hauptproblem der jungen Männer in dem "total verlogenen" Frauenbild, das in vielen traditionellen Migrantenfamilien gepflegt werde: "Der Wert eines Mädchens hängt am Jungfernhäutchen. Während kurdische, türkische und arabische Mädchen tabu sind, wird es stillschweigend hingenommen, dass die jungen Männer sich sexuell mit deutschen Mädchen ausprobieren. Kommt es dann zur Schwangerschaft, wird die ›deutsche Schlampe‹ verantwortlich gemacht, nicht der Junge, der sich nur ›die Hörner abstoßen‹ wollte." Inge Sewig sieht diese Mentalität nicht auf dem Rückzug, sondern – im Zuge der kulturellen Selbstabschottung der Migranten – sogar noch auf dem Vormarsch.

Auch der Ausländerbeauftragte von Berlin-Mitte, Turgut Cakmakoglu, findet deutliche Worte: Es müsse den Migranten klargemacht werden, dass das Grundgesetz gebiete, "Frauen nicht als Menschen zweiter Klasse zu behandeln wie in ihren Herkunftsländern". Man habe leider viel zu lange weggeschaut. Es sei nicht länger hinzunehmen, dass die Eltern sich aus der Verantwortung für das Scheitern ihrer Söhne stehlen. Cakmakoglu zieht eine Parallele zum Fall Sürücü: Die Eltern vermitteln ihren Söhnen falsche Ehrvorstellungen, die dann zu den so genannten "Ehrverbrechen" führen. Wie aber kann man diese Familien erreichen? Der Ausländerbeauftragte wünscht sich eine aktivere Rolle der Moscheen im Kampf für die Menschenrechte. Nur die Vorbeter hätten Zugang zu den sich abkapselnden Milieus.

Manche seiner deutschen Kollegen reden nicht so frei. Man hat Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Eine Mitarbeiterin des Bezirksamts Mitte, die nicht genannt werden möchte, spricht von einem "grundsätzlichen Gewaltproblem" in vielen strikt hierarchischen, patriarchalischen Familien aus islamischen Herkunftsländern. Es fehle oft an grundlegender Erziehungskompetenz. Statt klarer Regeln und Zuneigung würden viele Jungen zu Hause ein Wechselbad von Verwöhnung und Brutalität erleben, sagt sie: "Die Jungs werden als kleine Prinzen erzogen, sind aber selbst oft Opfer von Gewalt durch den Vater. Sie lernen, Mädchen nicht als eigenständige Personen zu sehen, sondern als Besitz der Familie – oder, wenn es Deutsche sind, als sexuelles Freiwild." Darum zeigten sie auch als verurteilte Täter oft weder Schuldbewusstsein noch Reue. Warum sollten sie auch?, fragt die Sozialarbeiterin bitter: "Sie haben sich bloß jemanden vom Hals geschafft, der sowieso keinen Wert hatte."

Die Schulpsychologin Aida Lorenz ist im Bezirk Mitte für über 30 Oberschulen zuständig. Berlin-Mitte ist – durch die Stadtteile Wedding und Moabit – der eigentliche Problembezirk der Hauptstadt. Alle reden von Neukölln und Kreuzberg – doch Mitte hat mit seinen 86000 Ausländern die größte Migrantenpopulation Berlins. Kein Bezirk in ganz Deutschland hat mehr Sozialhilfeempfänger, und nirgends werden so viele Gewalttaten an Schulen gemeldet. Im vergangenen Jahr waren es 205, darunter viele Körperverletzungen, und die Tendenz ist seit Jahren steigend.

Man kann nicht sagen, dass nichts dagegen unternommen wird. Berlin gilt deutschlandweit als vorbildlich in der Gewaltprävention. Und Aida Lorenz ist eine der engagiertesten und kreativsten Expertinnen auf diesem Gebiet. Ihr Krisenkonzept mit dem Titel Hinsehen und Handeln hängt in allen Berliner Schulen, ein übersichtliches Diagramm mit Verhaltensregeln für alle möglichen Gewaltsituationen. Frau Lorenz hat allerdings – allein, ohne Dienstcomputer und Diensthandy – über 30 Schulen zu betreuen. Viele dieser Schulen könnten einen eigenen Psychologen im Vollzeitjob brauchen, wie es etwa in Finnland üblich ist. Die Hedwig-Dohm-Schule ist trotz eines immensen Anteils von Schülern "nicht deutscher Herkunft" (74 Prozent) nicht einmal der schwierigste Fall. Es gibt dort längst Schüler als ausgebildete "Konfliktlotsen". Und soeben wurde wieder ein neues Gewaltpräventionsprojekt ausgeschrieben.