Die letzten Kilometer der Sandpiste in Richtung Kamanjab auf den Grootberg muss man im Allradjeep zurücklegen. Aber auch der hat seine Probleme auf dem von Hand gebauten Pfad, aus dem kopfgroße, rostrote Lavasteine zu wachsen scheinen. So oft man sie wegsammelt, ein paar Tage später sind die kantigen Brocken wieder da. In der Grootberg Lodge hat jede Hütte Canyonblick BILD

Der Grootberg ist einer von zahlreichen Tafelbergen im namibischen Damaraland, ein U-förmiges Plateau vulkanischen Ursprungs, 1624 Meter über dem Canyon des Klipriver. Vor fünf Monaten wurde am engsten Punkt, dort, wo das U sich biegt, die Grootberg Lodge eröffnet. Zwölf luxuriös eingerichtete Hütten und ein Haupthaus, gedeckt mit goldgelbem Stroh, die Wände aus dem roten Stein des Damaralandes. Zur Talseite sind die Hütten verglast, sogar die Dusche hat ein riesiges Fenster – und selbst mit Shampoo in den Augen ist es schwer, sich vom Blick über die Weite zu lösen. Im Abendlicht sind die Konturen der Tafelberge am Horizont so scharf, dass man meint, eine Giraffe, liefe sie kilometerweit entfernt vorbei, wie einen Scherenschnitt erkennen zu können. Jede Hütte hat einen Balkon mit Canyonblick, und nachts ist kein besserer Platz vorstellbar, um zu den Sternen zu schauen. Selbst die schwächsten sind hier noch sichtbar, und alle paar Minuten lädt eine Sternschnuppe zum Wünschen ein.

Crosley Goraeb, der als Kellner eingestellt wurde, hat sich nach wenigen Wochen auf dem Grootberg gewünscht, Guide zu werden. Weil er gut Englisch spricht und sein Lächeln, bei dem er ungeniert die schiefen Zähne mit den riesigen Lücken zeigt, den Touristen gute Laune macht, beschloss Dominic Du Raan, der weiße Manager der Lodge, dem schwarzen Kellner eine Chance zu geben und die Ausbildung zu finanzieren.

Also trampt Crosley zum ersten von fünf Lehrgängen nach Windhoek, in die Hauptstadt. Acht Stunden dauert die Fahrt auf den staubigen Pisten. Als er angekommen ist, schlendert er über den Markt. Er fühlt sich, als hätte er beim Glücksspiel nur Sechsen gewürfelt. Bis vor kurzem war der 28-Jährige noch arbeitslos, er musste drei Kinder von seiner kleinen Farm und Gelegenheitsjobs ernähren. Und jetzt soll er Touristen die Tiere und Pflanzen seiner Heimat erklären! "Einmal im Leben hat jeder richtig Glück", glaubt Crosley. Und plötzlich entdeckt er an einem Stand diesen Ohrring. Einen winzigen schwarzen Würfel mit weißen Punkten – obenauf liegt die Zahl Sechs. Crosley lässt sich ein Loch ins Ohr schießen und hat den Schmuck seither nicht wieder abgelegt.

Zurück auf dem Grootberg, bewältigt Crosley seine ersten Touren. Ziemlich schüchtern noch, mit ein paar Wissenslücken, aber sehr charmant. Er zeigt den Touristen Springböcke, Kudu- und Oryxantilopen, weiß Fuß- und Dungspuren von Elefanten zu lesen und erklärt, dass Gasblasen in der Lava die Käselöcher in vielen Steinen verursacht haben. Die lateinischen Namen von Mopane- und Hirtenbaum kennt Crosley noch nicht. Dafür kann er Brei aus der getrockneten Rinde des Letzteren zubereiten, der "ein bisschen wie Porridge" schmeckt. Und die Mopane-Würmer hat er nicht nur probiert wie viele der weißen Guides. Nein, er liebt die köstlich-fetten weißen Raupen! Im Herbst sammelt er sie von den schmetterlingsförmigen Blättern des Baumes. "Wir kochen sie in Wasser und lassen sie in der Sonne trocknen. Danach kann man sie mit Gemüse und Gewürzen zubereiten – das hat viele Proteine und schmeckt toll!"

Crosley weiß, dass die Ausbildung zum Guide für ihn eine riesige Chance bedeutet. Denn auch 15 Jahre nach Namibias Unabhängigkeit und der Abschaffung des Apartheid-Systems leben die meisten Schwarzen in ärmlichen Verhältnissen. Vom lukrativen Geschäft mit den Touristen fallen ihnen bisher nur ein paar Krümel zu. Die Damara, Crosleys Stamm, leben im Nordwesten. Sie bauen sich Hütten aus Ästen, Lehm und Kuhdung, rund 70 Prozent von ihnen sind arbeitslos.