Spätestens seit den achtziger Jahren gelten die Deutschen als Weltmeister der Solidarität. Ob Hungersnöte in Afrika, Erdbeben im Nahen und Fernen Osten oder die Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean – immer wieder sind unsere Landsleute mit Hilfe zur Stelle.

Dieses Bild hat im Entführungsfall Susanne Osthoff Risse bekommen. Im Unterschied zu Frankreich oder Italien, wo Hunderttausende für im Irak entführte Landsleute auf die Straßen gegangen waren, ist hierzulande – von den bemerkenswerten Initiativen islamischer Organisationen abgesehen – nichts Vergleichbares geschehen. Erst in den vergangenen Tagen sind Anzeichen für zaghafte Solidaritätsbekundungen, etwa eine Mahnwache in München, zu bemerken. Im bayerischen Ebersberg, Osthoffs Heimat, trafen am dritten Advent nicht mehr als zweihundert Bürger zu einer Kundgebung zusammen, in München waren es einen Tag zuvor lediglich dreißig Teilnehmer.

So bitter es auch sein mag – Terroristen halten einer Gesellschaft stets den Spiegel vor. Mit jeder Entführung wird ein Mensch aus unserer Mitte gerissen und damit unser Selbstverständnis grundlegend infrage gestellt. Deshalb sind alle Anzeichen von Duldung, Schweigen und Hinnehmen so verhängnisvoll. Wir können an unseren eigenen Reaktionen nicht nur erkennen, welchen Stellenwert wir einem Entführungsopfer in unserem Gemeinwesen einräumen, sondern auch, wie es um das Selbstverständnis unserer Zivilgesellschaft bestellt ist.

Immerhin, mit ihrem Appell "Lasst sie frei!" haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und mit ihr ein Teil der politischen Klasse ein Zeichen gesetzt. Auch Exkanzler Gerhard Schröder wandte sich mit einer eigenen, vom arabischen Fernsehsender al-Dschasira ausgestrahlten Videobotschaft an die Entführer. Doch diese Wortmeldungen lassen die mangelnden Solidaritätsbekundungen der deutschen Bevölkerung eher in einem noch trüberen Licht erscheinen.

Sie war eine der Ersten, die nach Bagdad fuhren, um zu helfen

Seit zwei Wochen fragen sich Pressekommentatoren deshalb besorgt: Sind wir gefühlskalt und teilnahmslos? Oder ist die fehlende Empathie gar als Indiz fortschreitender Individualisierung zu bewerten, die nun selbst vor elementarsten sozialen Bindungen und Werten nicht mehr Halt macht?

Doch sind derartige Fragen im aktuellen Fall der deutschen Archäologin überhaupt gerechtfertigt? Christoph Reuter hat kürzlich im stern von Susanne Osthoff das "Porträt einer Zerrissenen" gezeichnet, einer Frau, die in Deutschland nicht sein wolle und im Irak nicht sein könne. Die geschiedene Frau eines Jordaniers, der einem mächtigen Beduinenstamm angehört, die Mutter einer elfjährigen deutschen Schülerin, die Nomadin, die Ortlose, die Suchende, die Umhergetriebene. Susanne Osthoff hat nicht nur als besessene Archäologin gearbeitet, sondern auch als humanitäre Helferin. Sie war nach dem Irak-Krieg unter den Ersten, die nach Bagdad fuhren, um der Bevölkerung zu helfen.

Sie war wohl auch eine Unvernünftige. Sie glaubte, ihr könne nichts passieren, weil sie als Deutsche aus einem Land komme, das sich nicht am Irak-Krieg beteiligt hat. Sie war sich sicher, sie sei geschützt, weil sie im Irak über einflussreiche Verbindungen verfüge. Wie sich nun zeigt, hat es nicht an Warnungen gefehlt. Zuletzt riet der stellvertretende deutsche Botschafter Thomas Wülfing, sie solle den Irak "schnellstmöglich" verlassen.

Hat sich Susanne Osthoff ihre missliche Lage also selbst zuzuschreiben? Warum sollte man – so fragen sich offenbar nicht wenige – für den Leichtsinn anderer auf die Straße gehen und skrupellose Menschenräuber um Menschlichkeit bitten?

Noch etwas kommt hinzu. In den vergangenen Jahren hat es bereits einige andere Entführungsfälle gegeben, in denen Deutsche bedroht waren. Die Bundesregierung hat alles an diplomatischem Geschick und vermutlich auch an Geldsummen aufgeboten, um gefährdete Bürger in Sicherheit bringen zu können. Diese Fälle sind glimpflich ausgegangen, dennoch haben sie einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Insbesondere der Fall der Familie Wallert, die im Jahre 2000 auf der Philippinen-Insel Jolo in die Hände von Rebellen gefallen war, hat Flurschaden verursacht. Die theatralischen Bilder, die wochenlang durch die Medien geisterten und für die sich Frau Wallert im Nachhinein entschuldigte, haben mehr als bloß Abstumpfungseffekte erzeugt – manche fühlten sich hierzulande emotional missbraucht. Auch die Reaktionen auf die 2003 in der Sahara entführten Motorradtouristen sind überaus gespalten gewesen. Das Mitgefühl für Abenteuerhungrige war begrenzt.

Gewiss, die Frage ist berechtigt, was Solidaritätsbekundungen überhaupt ausrichten können. Insbesondere dann, wenn so viel Unklarheit über die Geiselnehmer, ihre Absichten und Motive wie im Fall Osthoff existiert. Nicht selten sind Appelle nichts anderes als Ausdrucksformen der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Doch selbst wenn dies so sein sollte, spricht nichts dagegen, auch die kleinste sich bietende Chance wahrzunehmen, auf das Schicksal der 43-Jährigen aufmerksam zu machen. Vielleicht könnte durch symbolkräftige Aktionen politischer Druck entstehen, der sich auch auf die Entführer auswirkt.