Daumen und Zeigefinger ihrer linken Hand schließen sich zur elliptischen Umlaufbahn des Merkurs. In weitem Bogen fliegt jetzt ihr rechter Zeigefinger wie ein Satellit von der Erde heran, wird immer schneller und schwenkt schließlich auf den Fingerkreis ihrer linken Hand ein. "Um den Merkur einzuholen, müssen wir beschleunigen. Deshalb dauert die Reise so lange", erläutert Rita Schulz. Die 44-jährige Astrophysikerin leitet als einzige Frau ein komplettes Projekt der europäischen Weltraumagentur Esa: die Merkur-Mission BepiColombo, benannt nach einem italienischen Astronomen. Damit ist Schulz für ein Budget von mehr als 600 Millionen Euro verantwortlich. Doch neben der Arbeit als Managerin will sie unbedingt ihren Ruf als Wissenschaftlerin erhalten. "Offiziell dürfen wir 20 Prozent unserer Arbeitszeit für Forschung verwenden, praktisch komme ich aber nur in der Freizeit dazu", sagt die Astrophysikerin – und macht nicht den Eindruck, dass es sie stört. Die Begeisterung, mit der sie von der Magnetosphäre des Merkurs oder dem Verhältnis von Kohlenstoffisotopen in Kometenschweifen spricht, lässt ihre Wochenend- und Nachtarbeit als Genuss erscheinen.

Schon als Kind begeisterte sich Schulz für Außerirdisches; historische Fotos des Kometen Halley faszinierten sie. Nur alle 76 Jahre fliegt der Schweifstern näher an der Erde vorbei. Am Ende ihres Physikstudiums gab es ein Wiedersehen mit Halley. Schulz zögerte ihre Diplomarbeit bis zur spektakulären Wiederkehr des Kometen im März 1986 heraus: "Ich bin damals in die Europäische Südsternwarte nach Chile gefahren und habe ihn selber beobachten können."

Auf die Messdaten muss sie bis kurz vor der Rente warten

Wer sich mit dem Weltall beschäftigt, muss in langen Zeiträumen denken. Das gilt auch für das Projekt BepiColombo. Anfang der neunziger Jahre war die Idee eines Fluges zum Merkur entstanden, 1994 wurde sie ins Esa-Programm aufgenommen. 2012, fast 20 Jahre später, sollen zwei Erkundungssatelliten starten. Bis sie auf ihre Umlaufbahn um den sonnennächsten Planeten einschwenken, werden weitere sechs Jahre vergehen. "Die Auswertung der Messdaten wird meine letzte Aufgabe vor der Rente sein", sagt Schulz und guckt amüsiert durch ihre hellblaue Brille. "Eigentlich kann ich gar nicht so weit in die Zukunft sehen." Dabei ist weite Vorausplanung ihr Tagesgeschäft. Als Projektmanagerin muss sie dafür sorgen, dass die Messgeräte ihrer beiden Merkur-Satelliten möglichst genau die Fragen beantworten können, für die sich die Planetenforschung in 15 Jahren am brennendsten interessieren wird.

Bisher hatte Merkur erst einmal Besuch von der Erde. Mitte der siebziger Jahre fotografierte die amerikanische Raumsonde Mariner 10 seine mondähnlichen, kraterreichen Landschaften. Die Bilder zeigen jedoch nur eine Seite des Planeten, die andere Hälfte ist noch unerforscht. Von der Erde aus lässt sich Merkur kaum beobachten, weil ihn die Sonne die meiste Zeit überstrahlt. Theoretisch könnte das Weltraumteleskop Hubble einhundert Kilometer große Details der Merkur-Oberfläche zeigen, doch das wurde noch nie versucht. Zu groß ist die Gefahr, dass die empfindlichen Spiegel von den Teilchen des Sonnenwindes beschädigt werden, wenn man sie auf ein derart sonnennahes Objekt ausrichtet. Eine Beobachtung des Merkurs kommt allenfalls als letzte Aufgabe vor dem kontrollierten Absturz von Hubble infrage.

Konkurrenzlos ist Rita Schulz mit ihrem Projekt trotzdem nicht. Bereits im vergangenen Jahr hat die Nasa einen Forschungssatelliten auf den komplizierten Weg zum Merkur geschickt. Messenger soll von Januar 2008 an dreimal den Merkur passieren, den Rest seiner Oberfläche mit einer Stereokamera in Farbe kartieren und die Zusammensetzung seiner äußerst dünnen Atmosphäre und seine Magnetosphäre untersuchen. Im März 2011 soll die Nasa-Sonde schließlich auf eine Umlaufbahn um den Planeten einschwenken – ein Jahr vor den beiden Esa-Satelliten.