Wien, 7. April 1945. In der Festungsstadt an der Donau sind sowjetische Panzer bereits zum Südbahnhof und über den Gürtel vorgestoßen, der Gefechtslärm dringt bis in die Innenstadt. Wenige Tage später hat die Rote Armee Wien befreit.

Im Keller des Gebäudes des Ostmärkischen Zeitungsverlages am Fleischmarkt hat sich in diesen Tagen die Behelfsredaktion der letzten Frontzeitung, der Wiener Presse, einquartiert. Auf einem Hocker sitzend, hämmert Hauptschriftleiter Manfred Jasser seinen Leitartikel in die Schreibmaschine. Er beschwört die Türkenbelagerung herauf, schreibt von "Mut und Beherztheit deutscher Männer" und ruft dazu auf, "ebenso tapfer, ebenso treu und ebenso unerbittlich zu leben wie unsere Vorfahren": "Wo ihr einen seht, der zaghaft ist, dort stützt ihn; wo ihr einen seht, der seine Pflicht nicht erfüllt, dort mahnt ihn; wo ihr einen seht, der Schaden und Unruhe stiftet, dort stoßt ihn aus der Gemeinschaft." Jasser nennt sein Elaborat Das tapfere Herz, ein letzter Durchhalteappell, mit dem der Nazi-Journalist seine Karriere im "Dritten Reich" beschließt. Danach bringt er sich in Krems in Sicherheit. Das Kriegstagebuch im Oberkommando der Wehrmacht vermeldet an diesem Tag: "Ein Teil der Wiener Bevölkerung hat seine Haltung verloren."

Der überzeugte Nationalsozialist Jasser hatte zwar seine Haut gerettet, doch für ihn brach eine bewegte Zeit journalistischen Nomadisierens an, in der es ihm allerdings gelang, langsam den braunen Schatten abzustreifen. Bereits acht Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes stand er wieder an der Spitze: Aus dem Hauptschriftleiter in der NSDAP war der unbescholtene Chefredakteur des Wirtschaftsverlages der ÖVP geworden. Anlässlich seines 70. Geburtstages huldigte ihm 1979 sogar die Kronen Zeitung: "Einer der großen Journalisten, die Österreich hervorgebracht hat."

Jassers Weg durch die Redaktionsstuben in Diktatur und Republik erzählt eine symptomatische Geschichte, die auch in dem zu Ende gehenden Gedenkjahr verschwiegen worden ist: die Geschichte von der Kontinuität der publizistischen Eliten und der braunen Flecken im österreichischen Nachkriegsjournalismus.

"Einer der besten Schriftleiter, den die Ostmark hervorgebracht hat"

Die Karriere der braunen Edelfeder beginnt im Graz der Ersten Republik. Noch während seines Germanistikstudiums war der Kaufmannssohn 1931 dem Kampfbund für deutsche Kultur beigetreten, zwei Jahre später auch der NSDAP. Nach seiner Promotion begann er eine Feuilleton-Korrespondenz aufzubauen, mit der er deutsche Zeitungen, die Essener Nationalzeitung oder die Münchner Neuesten Nachrichten, vor allem aber Die Neue Literatur, die von dem Schriftsteller Will Vesper in Leipzig herausgegebene führende NS-Literaturzeitschrift, belieferte. Im schöngeistigen Schwulst seiner Beiträge beklagte er den jüdischen Einfluss im österreichischen Kulturleben und bettelte den Anschluss an Nazi-Deutschland herbei, von dem er sich eine "Rückkehr zum gesunden, schollenkräftigen Leben" erwartete. Trotz NSDAP-Verbot konnte Jasser seine Publizistik unbehelligt von Polizei und Zensur des Ständestaates verbreiten. Einmal wurde er für 35 Tage inhaftiert.