Wenn der Mensch zum Tier wird, kehrt Ruhe ein in Afrika. Die Schildkröte macht den Anfang, es folgen Nashorn, Elefant, Giraffe, Strauß und fast die ganze Savanne – nur wo, bitte, war der Löwe? Mit Körpern aus Pappmaché wackeln sie auf Menschenbeinen durch die Manege: Ein Karneval der Wildnis! Eine Dressur im Märchenwald! Eine Safari der Sinne! Es ist die zweite Nummer nach der Pause und die erste, bei der das Publikum für einen kurzen Augenblick herausgerissen wird aus der vibrierenden Welt der Akrobatik mit ihren begnadeten Körpern, mit Ball- und Keulenzauberern, mit Step- und Breakdancern. Die Tiere in André Hellers Afrika-Zirkus sind so etwas wie die legendäre Seifenblasennummer im Circus Roncalli: eine melancholische Fermate, eine Insel der Besinnlichkeit im Ozean der Hochleistungsartistik.

Mit Afrika, Afrika kehrt der Multi-Künstler André Heller zurück zu seinen Wurzeln. Die Premiere in Frankfurt am Main dokumentiert: Heller ist ein Zirkus-Mann, ein genialer Menschen-Komponist, ein Farben-Verführer, ein Moderator der Künste. Wie schwer es ihm, dem bekennenden Moralisten, gefallen ist, gerade beim Thema Afrika auf all die dringenden politischen Botschaften, die der Schwarze Kontinent mitzuteilen hätte, zu verzichten, ist nicht überliefert. Allein ein Hinweis im Programmheft dokumentiert dann doch eine Art Ablasshandel: Ein Euro pro Karte fließt in eine Unesco-Stiftung, einen Hilfsfonds, "für dessen sinnvolle Mittelvergabe in Afrika das Goethe-Institut verantwortlich zeichnet".

Hellers Afrika ist groß und bunt. Es nimmt Pariser Vorstadt-Breakdancer afrikanischer Abstammung ebenso auf wie New Yorker Einrad-Basketball-Artisten aus einem Harlemer Straßenkinderprojekt. Es präsentiert bei der Premiere Joachim Fest ebenso wie Dolly Buster, den Fifa-Kommunikationsdirektor Markus Siegler wie den Schriftsteller Peter Härtling, den Lobbyisten Hunzinger ebenso wie den Ex-Bank-Boss Breuer. In der Manege präsentiert sich Hellers Afrika dann als betörende Melange von hochkarätigen Artisten, die über viele Monate gecastet worden sind.

Im Zirkus nun sind sie stets Vorführende, nie Vorgeführte. Hellers Afrika (choreografiert von Georges Momboye von der Elfenbeinküste) ist überwiegend männlich, körperlich, doch niemals voyeuristisch. Es ist bester Laune, aber nicht oberflächlich. Es ist direkt, aber nicht distanzlos. Und vor allen Dingen: musikalisch. Die Band mit Instrumentalisten aus Gambia, Südafrika, Guinea und dem Senegal begleitet, bis auf eine Nummer, das komplette Programm live. Und auch ohne eine einzige geschwungene Keule, ohne die aller Anatomie Hohn sprechenden Verrenkungen der Lunga Nokulunga Buthelezi aus Südafrika, ohne die fliegenden Tische, Töpfe, Schüsseln, ohne die federleicht aufgetürmten Menschenpyramiden hätte man dieser Band zwei Stunden zugehört. – Falsch! Niemals hätte man diesen Musikern nur zugehört, der Sängerin Ntombifuthi Pamella Mhlongo, der legitimen Nachfolgerin der großen Miriam Makeba, oder ihrem männlichen Counterpart Themba Maxwell Mntambo: Man wäre aufgesprungen, hätte die Sitze aus den Angeln gerissen und eine riesige Party gefeiert.

Seit André Heller den Zuschlag zur Entwicklung eines Kulturprogramms für die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland bekam, wird er nicht müde, damit zu kokettieren, er habe "von Fußball keine Ahnung". Für die Inszenierung einer Eröffnungsgala im Stadion muss dies kein Nachteil sein. Bei Afrika, Afrika jedoch hätte ein Desinteresse an der Materie wohl zum Desaster geführt. Nicht dass die Show weniger bunt hätte ausfallen müssen. Weil aber der Schwarze Kontinent den Künstler André Heller zeit seines Lebens interessiert hat, kann er beim Publikum ein echtes Interesse wecken. Deshalb, nur deshalb gelingt es ihm auf wundersame Weise, die Ethnologie des Schwarzen Kontinents, die Aids-Plage, die Hungerseuche, die Diktatorenwillkür für zwei Stunden auszublenden und uns trotzdem tief in die Seele Afrikas blicken zu lassen. Wer Afrika erspüren will, muss in Hellers Zelt. Für alle anderen gibt es das Völkerkundemuseum.