Polanski und Oliver Twist. Man kommt gar nicht umhin, an die Kindheit des Regisseurs zu denken. Als Siebenjähriger erlebte Roman Polanski die Verhaftung seiner später in Auschwitz ermordeten Mutter. Es folgte eine Odyssee durch Pflegefamilien, Waisenhäuser und Verstecke. Polanskis Seelenverwandtschaft mit einem Kind, das ganz allein durch eine Höllenwelt irrt, ist in jeder Einstellung seiner Dickens-Verfilmung zu spüren. Die manchmal etwas langatmige Adaption konzentriert sich ganz auf den sozialkritischen Kern des Werks. London, ein stinkender Moloch. Der Albtraum der Waisenhäuser, die Fabrik der Kinderarbeiter - der Gegenwartsbezug ist klar und ehrenwert, die Kamera lugt auch noch ins kleinste Lumpenfältchen.

Allein der Figur des Rattenfängers und Diebeskönigs Fagin trotzt Polanski eine Interpretation ab: Ben Kingsley kreiert den König eines Gegenreichs, der sich mit grimmiger Entschlossenheit in den Nischen des Sozialen breit macht.

Mit seinen fantasmagorischen Verzerrungen entwickelt sich dieser Oliver Twist gegen Ende gar zum Horrorfilm. Nur leider fehlt den klaustrophobischen Elendswelten jenes schlafwandlerische Stilgefühl, das Polanskis frühe Trauma-Filme so zwingend machte. Diesmal bleibt es ein teatime-Elend. Ein Albtraum für den Sonntagnachmittag.