Das Rentier ist ein rastloser Geselle: Wenn die arktische Kälte über seine Heimat hereinbricht, wartet es nicht zusammengedrängt auf wärmere Zeiten, sondern spreizt die Hufe und wandert wie auf Schneeschuhen umher. 5000 Kilometer kann es so zurücklegen, und je mehr ihm der Eiswind den dichten Pelz streichelt, umso wohler fühlt es sich. Um seinen Hunger zu stillen, schaufelt das Rentier mit seinem Geweih einfach den Schnee in Taiga und Tundra beiseite, um an die Bodenflechten zu gelangen, und versucht dabei die Menschen zu ignorieren, die seit nunmehr tausend Jahren seiner Route folgen (die Samen in Lappland beispielsweise). Ab und zu spannen die Menschen das Ren vor einen Schlitten, dann frieren sie im Fahrtwind und bekommen rote Nasen. Dem Ren ist das egal, es kann auch Temperaturen bis minus 50 Grad aushalten. Weil die Menschen aber stets von sich auf andere schließen, haben sie dem berühmtesten Ren der jüngeren Weihnachtsgeschichte auch eine leuchtend rote Nase angedichtet: Rudolph, das Rentier, soll so dem Weihnachtsmann den Weg erhellen. Skandinavische Kinder wissen schon lange, dass der Alte im Berg Korvatunturi in Finnisch-Lappland wohnt, da liegt es nahe, dass er seinen Schlitten von den laufstarken Hirschtieren durch die Lüfte ziehen lässt. Die Amerikaner glauben ebenfalls an die himmlischen Viecher, und so hat das Ren im Laufe der Jahre auch in Deutschland Ochs und Esel den Rang als beliebtestes Weihnachtstier abgelaufen. Allerdings berechnen notorische Wunderskeptiker in Internet-Foren gerne mal die Unmöglichkeit einer Belieferung durch das Ren: Ausgehend von der Zugkraft eines durchschnittlichen Tieres (175 Kilogramm), der Menge der zu bescherenden Kinder im christlichen Kulturkreis (wenn alle brav sind, etwa 380 Millionen) und der Zeit, die der Weihnachtsmann braucht, um sämtliche Päckchen auszuliefern, kommen sie zu dem Ergebnis, dass mindestens 216000 Rentiere den Schlitten in einer Geschwindigkeit ziehen müssten, die die Hirsche am Nachthimmel vaporisieren würde. Zum Glück bleiben wir von solchen Berechnungen unberührt, hierzulande bringt immer noch das Christkind die Geschenke. Wahre Rentierfans holen sich die Zugtiere an Weihnachten dennoch ins Haus: schön mit Preiselbeersoße, direkt auf den Teller. Andrea Benda