Ein Aushang am Schwarzen Brett seiner Fachhochschule brachte Frederick Esefeld auf die Idee. Studieren in Shanghai, ein Semester lang mittendrin sein in einer der dynamischsten Metropolen der Erde. "Ich hatte nie gedacht, dass ich einmal nach China gehen würde", sagt Esefeld, der in Jena Betriebswirtschaft studiert. "Doch als ich den Aushang sah, wusste ich: Da will ich hin."

In seiner Zufälligkeit ist Esefelds Weg ins Reich der Mitte typisch. Auch wenn die aufstrebende Weltmacht seit Jahren daran arbeitet, mit Milliardeninvestitionen ihre Hochschulen auf Weltniveau zu heben, in den Köpfen reiselustiger deutscher Studenten ist das noch nicht angekommen. Gerade einmal 1200 Deutsche zählte das chinesische Bildungsministerium 2004 an Chinas Universitäten. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) berichtet, die Bewerberzahlen für die jährlich 200 Stipendien lägen zwar deutlich höher als noch vor einigen Jahren, doch sie seien noch weit entfernt von den Rekordmarken der späten Achtziger, vor der gewaltsamen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989.

Mit Chinas Nischendasein als akademischer Geheimtipp und Eldorado für ein paar Sinologen dürfte es dennoch bald vorbei sein. Denn laut der US-Austauschorganisation Institute of International Education ist die Zahl amerikanischer Gaststudenten in China zwischen 2002 und 2004 um 90 Prozent gestiegen, auf ein Allzeithoch von mehr als 4700 Studenten. Experten gehen davon aus, dass die Entwicklung der deutschen Studentenströme nach China in den nächsten Jahren einem ähnlichen Trend folgen wird. Dabei dürfte weniger die zunehmende Qualität chinesischer Studienprogramme eine Rolle spielen als die Aussicht, dass das Land vermutlich schon bis 2020 die Vereinigten Staaten als Wirtschaftsmacht Nummer eins ablösen wird.

"Ich kann mir gut vorstellen, dass ich später von meinen China-Kenntnissen profitieren werde", sagt Frederick Esefeld. "Spanisch oder Französisch lernen viele. Aber wer kann schon Chinesisch?" Je stärker der Handel mit dem bevölkerungsreichsten Land der Erde zunimmt, je intensiver deutsche Unternehmen dort investieren, desto mehr wird es sich in Zukunft auszahlen, China-Experte zu sein. Derzeit wachsen Importe aus und Exporte nach China jedes Jahr in zweistelligen Raten.

Seit August lebt und lernt Esefeld auf dem Campus der Tongji-Universität mit ihren 54000 Studenten, sein täglicher Anlaufpunkt ist das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg (CDHK), eine erst acht Jahre alte Gemeinschaftseinrichtung von DAAD und Tongji-Universität, die von deutschen und chinesischen Unternehmen unterstützt wird. Hier können chinesische Studenten Deutsch lernen und anschließend Wirtschaftswissenschaften studieren, Maschinenbau oder Elektrotechnik. Gerade die Ingenieurwissenschaften sind die Aushängeschilder des deutschen Bildungssystems und entsprechend beliebt.

Nach der Vorlesung gibt es Kung-Fu und Karaoke

Deutsche Studenten gibt es am CDHK bislang nur vereinzelt, doch ihre Zahl nimmt zu. "In letzter Zeit habe ich auffällig viele deutsche Studenten in Shanghai getroffen", sagt Anja Feldmann, DAAD-Lektorin am CDHK. "Bei uns bereiten inzwischen regelmäßig Studenten ihre Diplomarbeit vor oder machen ein Praktikum." Dabei existiere für deutsche Studenten am Hochschulkolleg bislang noch kein eigenständiges Studienangebot, fast jeder müsse sich selbst um die Organisation seines Aufenthaltes kümmern. Der Motivation der China-Fahrer schade das jedoch offenbar nicht: "Viele kommen sogar auf eigene Kosten, ohne Stipendium."