Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee."

Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saßen drei Forscher im Oberstübchen einer Göttinger Villa, die so gelb war wie die Sonne im Sommer. Und wie sie so nach den Büchern aufblickten, die alle Wände füllten, suchten sie eine Antwort auf diese Frage: Warum sind Weihnachten und Märchen so innig verbunden?

Sie sitzen an einem Ort, der einzigartig ist auf der Welt. Seit 30 Jahren wird in dieser alten Villa zusammengetragen, was man über Märchen nur wissen kann. Dieser Schatz ist kein geheimes Gut, er wird allen zugänglich gemacht: Er heißt Enzyklopädie des Märchens (EM). In Göttingen arbeiten – zwischen einer halben Million gesammelter Märchen, Fabeln, Legenden, Sagen aus aller Welt und Bergen von Sekundärliteratur – Christine Shojaei Kawan, Ulrich Marzolph und Hans-Jörg Uther. Genau genommen arbeiten sie gerade an den Buchstaben S–T: Die Romanistin Christine Shojaei Kawan, Expertin für Zaubermärchen und moderne Wandersagen, sitzt nach dem Artikel über Schneewittchen jetzt am Enzyklopädie-Eintrag zum Stichwort "Spinnstuben". Die Professoren Marzolph und Uther, Fachmann für die Erzählkunst des Orients der eine, für die Erzählkunst der Grimms der andere, haben sich Tausendundeinenacht und Sterntaler vorgenommen.

Vom Stichwort "Weihnachtsmärchen" sind sie noch weit entfernt. Aus aktuellem Anlass aber werfen sie ihr Wissen zusammen: "›Weihnachtsmärchen‹ bedeutet nicht, dass das Weihnachtsfest eine Rolle spielt", erklärt Uther, der vor genau einem Jahr die Anthologie Geschichten und Märchen zur Weihnachtszeit herausgegeben hat. Das Weihnachtsmärchen ist also ein populäres Märchen, das um diese Zeit aufgeführt wird. Denn dass man sich jetzt mit Märchen beschäftigt, hat Tradition. "Schon die Brüder Grimm mussten ihre Publikationen an Weihnachten herausbringen", sagt Uther. Ein gutes Geschenk waren Märchen eben schon immer. Und seit jeher hat der Mensch die Muße zum Vorlesen und Erzählen eher im Winter. "Im Sommer wurde gearbeitet", ergänzt Spinnstuben-Spezialistin Shojaei, "da gab es sogar Erzählverbote. Der Winter, das war die Zeit für große Feste, für Hochzeiten – und für Märchen."

Wirbeln uns deswegen in Schneewittchen gleich zu Beginn die Flocken entgegen? "Dieses poetische Bild haben die Brüder Grimm dazugedichtet", sagt Christine Shojaei. Liebevoll ausgeschmückt hat Wilhelm Grimm zudem den häuslichen Fleiß. Weshalb die flinken Finger der Königin mitten im Winter bei sperrangelweitem Fenster arbeiten. Was nicht weiter auffällt, weil im Märchen ohnehin alles möglich ist. "Aber es gibt Varianten, da sitzt die Königin in der Kutsche, oder sie hat gleich Nasenbluten", sagt die Expertin.

Erzählt wird die Geschichte nicht nur in Deutschland, wo Schneewittchen nach einer Allensbach-Umfrage das beliebteste Märchen ist. Schneewittchen hat viele Schwestern – bei Italienern und Iren, Arabern und Berbern. Allein für Griechenland sind über 200 Varianten belegt. In einigen türkischen gibt die Stiefmutter der Heldin Schlangen zu essen, löst dadurch eine Scheinschwangerschaft aus, was den Vater dazu bringt, das Mädchen auszusetzen.