Nietzsche war's, der bei Georges Bizet einst eine Art afrikanische Heiterkeit aufspürte. Dieses legendäre Votum hat den britischen Opernregisseur Mark Dornford-May wohl dazu bewogen, seine Carmen nach Südafrika zu verlegen, ja sie ausschließlich von Schwarzen singen und spielen zu lassen (und zwar auf Xhosa, einer lautreich-sanglichen Sprache, die Bizet bestimmt gefallen hätte). Oper beim Wort genommen und ins pralle Leben übersetzt. Statt klappernder Kastagnetten stampfen in U-Carmen eKhayelitsha nackte Füße den Takt der Seguidilla in den Staub, Escamillo ist aber kein Stierkämpfer, sondern ein gefeierter Sänger, der am Freiheitstag für ein Konzert in die heimische Wellblechhütte zurückkehrt. Dies alles ist so temperamentvoll choreografiert, dass sich kaum Kolportageverdacht erhebt.

Hart stoßen die Kontraste aufeinander: das Erotische und das Mörderische, Todessehnsucht und Lebenslust, das typisch Weibliche und das Männlich-Machistische. Warum sollte die exotische Peripherie in den Slums von heute nicht glaubhaft anzusiedeln sein? Deren affektgeladene Musik übrigens harmoniert kunstvoll mit dem mitteleuropäischen 19. Jahrhundert. U-Carmen eKhayelitsha hat bei der letzten Berlinale den goldenen Bären gewonnen. Als Opernfilm, als Filmoper? Einerseits bleibt die Handschrift des Bühnenregisseurs deutlich sichtbar - wenn Carmen (rotzig, üppig: Pauline Malefane) zu L'amour est un oiseau rebelle wie ein Vogel im Käfig hockt oder wenn jede Zigarettenfabrikarbeiterin etwas Rotes am Leib trägt, ein Mützchen, Gürtelchen, Tüchlein. Alles Filmische wirkt aber bemüht, reduziert sich auf mittelrasante Verfolgungsjagden und Rückblenden.