Das Weihnachtsfest neigt dazu, neben allem anderen Glück oder Unglück, auch Exzesse der individuellen Selbstverwirklichung zu bringen. Ich kannte einen Mann, der seinen Tannenbaum über und über mit Marzipanschweinchen zu behängen pflegte, dazu Schweinchen aus Wachs, zum Anzünden, und Schweinchen aus Glas, zum Funkeln. Die Kunde von diesem bald so genannten Schweinebaum verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit. Aber zu Silvester, als die ersten Reporter anrückten, war die Ferkeldekoration schon wieder verschwunden und an ihre Stelle ein Baumschmuck von lauter winzigen Putzmittelfläschchen getreten, die der Mann offenbar aus den Werbegeschenken der letzten Jahre zusammengetragen hatte. "Warum denn das?", fragten die entsetzten Reporter. "Das tut er mir zum Tort", antwortete seine Frau.

Augenscheinlich gibt es häusliche Katastrophen, die sich in solchen festtäglichen Extravaganzen verschlüsseln. Der Weihnachtsbaum als Vorwurf und Anklage. Aber ebenso augenscheinlich ist eine Tendenz zur Sinngebung des Sinnlosen. Denn wovon sollten die Proben und Pröbchen, die Ampullen mit Geschirrspülmitteln, Weichspülern, Scheuermitteln künden, wenn sie in einer Grabbelkiste unbemerkt vor sich hin duften, sozusagen ungerochen, von niemandem auf ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber Glühwein- oder Gänsebratenduft getestet? Dagegen am Weihnachtsbaum! Hier können sie ihre sportliche Eignung in allen Aromadisziplinen beweisen. Zum Beispiel: Was vermag die Atlantikbrise im Weichspüler gegen Mandelspekulatius? Wie viele Punkte könnte der Grüne Apfel gegen die Marzipankartoffel gewinnen?

Eine ganz andere Frage wirft der Diebstahl einer tonnenschweren Henry-Moore-Skulptur in London auf. Welcher Weihnachtsbaum auf dieser Welt könnte deren Gewicht tragen? Und brauchte man nicht mindestens zwei Skulpturen, um die Belastung auszubalancieren? Insofern wäre es interessant, zu wissen, ob noch irgendwo sonst in der christlichen Hemisphäre Kunst in dieser Gewichtsklasse vermisst wird. Was ist mit dem Richard Serra vor dem Berliner Kanzleramt? Die Verantwortlichen der Henry-Moore-Foundation befürchten allerdings, die Reclining Figure könnte allein wegen ihres Materialwertes, bei Bronze wären das rund 7500 Euro, gestohlen worden sein. Damit sind die schlauen Briten wahrscheinlich auf der richtigen Spur. Einmal eine echte Künstlerbronze zum Bleigießen verwenden, wer hätte davon nicht schon geträumt. Finis