Gut möglich, dass die türkische Regierung die Fortsetzung des Prozesses gegen Orhan Pamuk wegen Verächtlichmachung des Türkentums noch absagen lässt. Doch die Absage käme so oder so zu spät. Die hässlichen Bilder vom randalierenden Mob und dem flüchtenden Autor haben sich auch jenen ins Gedächtnis gebrannt, die der Türkei auf ihrem Weg nach Europa immer zur Seite standen. Der Grüne Daniel Cohn-Bendit fühlte sich beim Anblick der keifenden Nebenkläger an Nazijuristen erinnert. Seitdem streitet die Türkei darüber, warum die Polizei Pamuk und die Prozessbeobachter nicht besser geschützt habe. Doch eine andere Frage ist dringlicher: Wo waren die türkischen Demokraten am ersten Verhandlungstag? Es kam nur eine Hand voll, darunter der schwer kranke Yasar Kemal.

Das Verfahren gegen Pamuk sei ein Test für die Türkei, heißt es in Westeuropa. Die bornierte Regierung in Ankara hat ihn nicht bestanden. Statt Einsicht zu zeigen, schilt der Justizminister die Presse und das Ausland, sich in laufende Gerichtsverfahren einzumischen. Den türkischen Politikern fehlt der Mut, den ein Ankaraner Richter am Tag des Pamuk-Prozesses bewies, als er einen Journalisten vom Vorwurf der Beleidigung der Streitkräfte mit Hinweis auf das hohe Gut der Meinungsfreiheit freisprach.

Es reicht nicht, die Prügel für ausländische Prozessbeobachter zu bedauern.

Paranoide Paragrafen, in denen vom herabgewürdigten Staat die Rede ist, haben in einem EU-Beitrittsland nichts zu suchen. Sollten diese Gesetze nicht umgehend gestrichen und die gut sechzig laufenden Verfahren gegen Publizisten aufgehoben werden, werden die Beitrittsverhandlungen mit der EU Mitte nächsten Jahres wohl gar nicht erst beginnen. Wer sich erniedrigt fühlt, neigt leicht zum Nationalismus, hatte Orhan Pamuk bei der Verleihung des Friedenspreises seine Gegner entschuldigt. In der Türkei ist aber zu viel von Erniedrigung und Verächtlichmachung die Rede. Und zu wenig vom Recht aufs freie Wort.