Gerade die Biomedizin hält der Wissenschaftssoziologe Peter Weingart gleich aus mehreren Gründen für ein besonders anfälliges Feld für Fälschungen. Das Tempo einer Veröffentlichung spiele hier eine enorme Rolle. "Es kann für eine Karriere entscheidend sein, ein paar Tage früher mit seinem Ergebnis auf dem Markt zu sein als ein Kollege, der auf dem gleichen Feld forscht", sagt Weingart, der das Institut für Wissenschafts- und Technikforschung an der Universität Bielefeld leitet. Nirgendwo werde so viel publiziert und so häufig zitiert wie in der Biomedizin. Und: Es gehe inzwischen um sehr viel Geld. "Das sind Größenordnungen, von denen sich andere Disziplinen keine Vorstellung machen."

Hwang genoss in seiner Heimat fast uneingeschränkte Möglichkeiten zum Forschen. Nun ist er schwer angeschlagen. Sollte sich herausstellen, dass der Koreaner wirklich Zelllinien erfunden hat, ist ihm die wissenschaftliche Höchststrafe sicher, die lebenslange Verachtung der Kollegen.

Gleichsam über Nacht war aus dem zuvor kaum bekannten Veterinärmediziner ein Superstar geworden, eine Galionsfigur der aufstrebenden koreanischen Nation (ZEIT Nr. 22/05 und 25/05). Weltweit wurde er als Heilsbringer gefeiert, Millionen chronisch Kranke erhofften sich von seinen Forschungserfolgen Genesung. Die koreanische Post druckte eine Sonderbriefmarke; sie zeigt einen Gelähmten, der geheilt aus seinem Rollstuhl springt.

Als im Oktober in Seoul das World Stem Cell Hub aus der Taufe gehoben wurde, schien Hwang auf der Höhe seines Ruhms. Diese Stammzellbank sollte Forschern aus aller Welt ermöglichen, künftig an hundert geklonten Zelllinien von Patienten zu forschen. Unter Hwangs Leitung, versteht sich.

In Wahrheit war der "Klonkönig von Seoul" auf seinem Höhenflug bereits ins Trudeln geraten, und die ganze Zunft rätselt heute, was mit dem bescheiden wirkenden Mann geschehen ist. Hat er den schnellen Ruhm nicht ertragen? Hat ihn der Druck zermürbt, unrealistische Hoffnungen von Kranken erfüllen zu müssen? Die Erwartungen der Geldgeber im Ministerium?

Gerüchte über Unregelmäßigkeiten in seinem Labor kursieren seit Mai 2004. Ausgelöst hatte sie ein Bericht des britischen Fachblatts Nature. Hwang dementierte, mehrmals. Doch er konnte nicht verhindern, dass die Anschuldigungen langsam zum Skandal hochkochten: Seit fünf Wochen werden in Seoul täglich frische Vorwürfe und halb gare Richtigstellungen herumgereicht. Hauptakteure neben Hwang sind dessen wichtigste Kooperationspartner, der Reproduktionsmediziner Roh Sung Il, Chef des Mizmedi-Krankenhauses in Seoul, und der amerikanische Stammzellforscher Gerald Schatten von der University of Pittsburgh.

– Schatten verursacht am 12. November den ersten großen Knall, als er sich via Presseerklärung von Hwang distanziert und die Zusammenarbeit mit einer nebulösen Begründung für beendet erklärt. Er sei von dem Koreaner getäuscht worden.