Wo Andrea Breth Regie führt, ist die männliche Hauptrolle meist mit Sven-Eric Bechtolf besetzt. Bechtolf absorbiert die Aufmerksamkeit des Publikums. Kein Schauspieler für die Mühen der Ebenen, sondern einer für die Tragödien der Gipfel. Er spielt bullig-elegante Männer, die in einer Rüstung der Fühllosigkeit umhergehen. Die spröden Brecher, die grimmig Unerlösten des Welttheaters.

In Schnitzlers Weitem Land war er der Fabrikant Hofreiter, ein vom Glück gelangweilter Verführer zum Tode. In Schillers Don Carlos war er der unter der Kuppel seines Palastes erstickende König Philipp. In Tschechows Kirschgarten war er der Aufsteiger Lopachin, der sich in den Reichtum wie ein Wirtshausschläger hineinwühlte.

In Lessings Minna von Barnhelm an der Wiener Burg nun ist er ein Mann, der nicht mit Fühllosigkeit, sondern mit einem Übermaß an Gefühl (für sich selbst) zu kämpfen hat. Er ist der Major von Tellheim, der zwar den Siebenjährigen Krieg, nicht aber die Tücken des Friedens aushält. Tellheim, ein verabschiedeter Major, ist der Bestechung angeklagt, er darf Berlin nicht verlassen. Der Major ist ein guter Mann, der aus edlen Motiven in Not geriet. Der Verdacht des Staates, der Argwohn des preußischen König erniedrigt ihn zu einem lebenden Toten. In einem Berliner Hotel erwartet er sein Urteil, und dass seine Verlobte, die reiche, schöne, kluge Minna von Barnhelm, ihn hier findet, macht ihn nicht glücklicher. Tellheim glaubt, er sei, da seine Ehre dahin ist, Minnas Liebe nicht mehr würdig.

Was nun anhebt, ist ein Kampf um Liebe und Selbstachtung, das Erhitzungstheater zweier großer Rechthaber in einer einstürzenden Welt. Zum guten Ende muss Minna den Krieger Tellheim aus dem Korsett seiner Ehre herausschneiden. Das geht nicht ohne Wunden ab.

In Wien ist das Gasthaus, worin Minna ihren Tellheim trifft, ein modernes Hotel, das unter den Beschuss heutiger Waffen geriet. Die Wände sind zertrümmert, und die Deckenverkleidung mit den Rauchmeldern hängt in eine Lobby herab, aus welcher der Krieg alle Tapeten, Bilder und Teppiche gefegt hat. Von draußen hört man die Geräusche des Weiterwurstelns, das Rollen des Wiederaufbaus: Autos, Sirenen, Ketten von Panzern oder Räumgerät.

Bechtolfs Tellheim tritt auf: Er wirkt wie Bruce Willis am Ende eines Die Hard- Films, geschoren, in Stiefeln und einem Mantel, der in Pech und Schwefel gelegen hat. Tellheim hält den Blick gesenkt und guckt weit an seinen Gesprächspartnern vorbei, auf einen Punkt am Boden hinter ihnen.

Was hat die Schlacht übrig gelassen von diesem Mann? Der Krieg ist aus und hat sich aufgelöst in Kleingedrucktes, in Rechnungen. Die Kläger haben das Wort, und Tellheim wird unter ihre Räder kommen. Er zieht den Mantel nie aus, in Gedanken ist er schon abgereist, sein Mantel ist sein Zelt. Eckig steht er da, den angeschossenen rechten Arm abschirmend, die linke Schulter erhoben.