David Sloan Wilson ist Professor am Department of Biology and Anthropology an der Binghamton University im US-Bundesstaat New York. Im Jahr 2002 publizierte er Darwins Cathedral, eine Untersuchung über den Zusammenhang von "Evolution, Religion und der Natur von Gesellschaften". Jetzt hat er seine These anhand einer zufälligen Stichprobe von 35 Glaubensgemeinschaften aus der 16-bändigen Encyclopedia of Religion weiter geprüft: Religionen dienen der kulturellen Evolution menschlicher Gruppen.

Natürlich, räumt auch Wilson ein, sei dies nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. "Religiöse Glaubensvorstellungen beinhalten zwar die direkte Motivation, anderen zu helfen, gehen aber auch weit darüber hinaus." Manche Religionsstifter wenden sich von der Welt ab, verneinen gar das soziale Leben in Gemeinschaften und predigen die Erfüllung in jenseitigen oder überweltlichen Zuständen. Wilson argumentiert, dass solch scheinbar nichtutilitaristischen Glaubensformen als "adaptive Einheiten" funktionieren und die Mitglieder religiöser Gruppen dazu bringen, einander zu helfen.

Im Christentum wird die Nächstenliebe betont, und schon das Wort "Islam" enthält den Bezug zur Gemeinschaft der Gläubigen; die Mormonen handeln als ökonomisch erfolgreiche Gruppe, und auch andere, weniger bekannte Religionen fungieren als soziales Bindemittel. Selbst der Buddhismus, oft als individuelle Suche nach der Erleuchtung beschrieben, erwies sich in Wilsons Studie als Religion mit einem starken Einfluss auf die Organisation von Gesellschaften.

Ein schlagendes Beispiel für Wilsons These ist der afrikanische Mbona-Kult. Dessen Mitglieder errichten immer wieder einen Schrein, der nach einiger Zeit zerfällt. Dann muss ein neuer Schrein errichtet werden – aber erst, nachdem die Gläubigen ihre säkularen Streitigkeiten beigelegt haben. Als "fortschrittliche" Europäer den Mbona-Anhängern anboten, den Schrein aus dauerhaftem Material zu errichten, lehnten diese ab. Das Heiligtum war eben nebensächlich. Was zählte, war seine gesellschaftliche Funktion. Ulrich Schnabel