Herr Professor, vor uns sitzt ein Terrorist, und irgendwo in der Stadt tickt seine schmutzige Bombe. Dürfen wir ihn foltern? "Nein." Warum nicht? "Weil es verboten ist." Und warum sollen wir das Verbot nicht lockern? "Weil es Ihren Fall in der Realität nicht gibt. Weil wir aber binnen kürzester Zeit wieder Gesetze erlassen würden, die das Ausreißen von Fingernägeln regeln." Wieso wissen Sie das? "Das beweist die Geschichte – und unsere Gegenwart."

Der Wiener Rechtswissenschaftler und Folterexperte Manfred Nowak kann all das so überzeugend sagen, weil er nicht nur im Studierzimmerchen die Geschichte der Folter erforschte, sondern seit Jahrzehnten in aller Welt jene Abgründe aufspürt, in denen Regierungen ihre Bürger quälen. Er ermittelt dabei nicht nur in Schurkenstaaten, sondern auch in scheinbar gefestigten Demokratien – sofern sie ihn lassen. Seit einem Jahr ist Manfred Nowak der wohl wichtigste Folter-Inspektor der Vereinten Nationen. Als "Sonderberichterstatter über die Folter" besucht er die Kerker und Verhörstuben dieser Welt und erstattet der UN-Generalversammlung Bericht über seine Ermittlungen. In den hintersten Winkeln Chinas, Nepals, Georgiens und der Mongolei konnte Nowak dieses Jahr Gefangene befragen und Beweise für Folter sammeln. Nur der Besuch im US-Lager Guantánamo scheiterte am Veto der US-Regierung.

Vielleicht ahnen die Amerikaner ja, wie hartnäckig dieser stets so freundlich lächelnde Jurist mit dem dicken Schnauzbart ermittelt. Nowak, so formulierte es kürzlich das Wiener Magazin Profil, habe im letzten Jahr "ein Bravourstück im Grenzgebiet zwischen Diplomatie und Unnachgiebigkeit" geleistet.

Sein Alltag? In der georgischen Provinz Abchasien etwa hatte er kürzlich einen vergessenen Häftling aufgestöbert, dessen Zellentür so eingerostet war, erzählt er, "dass drei Beamte fünf Minuten lang dagegen schlagen mussten, um sie zu öffnen". In der Mongolei fand er zum Tode verurteilte Häftlinge, die seit Jahren grausam an Händen und Füßen gefesselt waren "und so ihre Suppe schlürfen mussten". Und Ende November kehrte Nowak von einem zweiwöchigen Besuch in China zurück. Er ist der erste UN-Mann, der mit chinesischen Häftlingen "unbeobachtet" sprechen durfte. Na ja, in seinem Handy hat Nowak noch ein Foto von einem Geheimpolizisten gespeichert, der ihn ständig bei Gesprächen mit Dissidenten belauschte: "Hier, auf diesem Bild, sehen Sie sogar sein Richtmikrofon aus der Tasche lugen. Er hat mich ständig fotografiert. Also habe ich ihn auch geknipst."

Nowak lächelt etwas schelmisch, wenn er solche Erlebnisse schildert. Er ist ein ungewöhnlicher Diplomat. So unscheinbar wie er da in seiner Freizeit mit Jeans und Sportjacke in seinem Kaffeehaus in seiner Heimatstadt Wien sitzt, würde wohl niemand ahnen, welchen Zorn die Vertreter von Folterstaaten mitunter auf ihn haben. Pekings Kader, die sich gern fortschrittlich inszenieren, forderten Nowak kürzlich auf, sofort die Behauptung zurückzunehmen, in China werde "systematisch gefoltert" und "Gehirnwäsche" betrieben. Dabei hatte Nowak doch nur berichtet, was er gesehen hatte.

"Darf ich in euren Keller gehen?", fragte er etwa bei einem Rundgang im Lager Urumqi in der autonomen Provinz Xinjiang. "Den Keller? So etwas haben wir nicht!", versicherten die Wärter. Nowak deutete auf eine Treppe. "Da unten haben wir nur Gemüse gelagert!", versicherten die Chinesen. "Dann kann ich ja runtergehen", sagte der Professor und zückte seine Taschenlampe. Er fand eine dreifach versperrte Holztür, leuchtete durch ihre Ritzen und befahl: Aufmachen! Tatsächlich. Da war es also, das Betonbecken mit dem dreckigen Wasser. Es sah genau so aus, wie es eine Dissidentin beschrieben hatte, als sie ihm von der berüchtigten "Wasserfolter" erzählte – einer Tortur, bei der Häftlinge so lange untergetaucht werden, bis sie fast ersticken. Sie wird auch von der CIA im Krieg gegen den Terror angewendet – ganz offiziell.

Auch in Nepal löste Nowak einen "Riesenwirbel" aus, wie er es nennt. Bei einem Besuch im Zentralpolizeigefängnis in Kathmandu ließ er sich zu jenen Gefangenen führen, die gerade verhört wurden. Sie schilderten Nowaks Expertenteam, wie sie an Armen und Beinen gefesselt mit dem Kopf nach unten auf Stangen aufgehängt und mit Stöcken und Elektroschocks malträtiert worden waren. Nowak fotografierte ihre Verletzungen, und er rieb die Fotos den verantwortlichen Kommandanten unter die Nase. Die leugneten zunächst. Schließlich sagte ein Polizist: "Wir foltern sie nur, wenn sie lügen, das ist unser System." Nowak schnitt das Geständnis auf Tonband mit, spielte es nepalesischen Journalisten bei einer Pressekonferenz vor. Die Generäle, so versprach man ihm, würden nun verhört. Er aber bat: "Bitte foltert sie nicht!"

Nowak, 55, Vater zweier Kinder, wollte eigentlich gar nicht Folterexperte, sondern Filmemacher werden. In den Sechzigern lief er in Hippie-Klamotten durch die Provinzstadt Linz, und nichts langweilte ihn mehr als die so bürokratisch wirkende Welt der Juristen. Doch der Vater drängte ihn zum Jura-Studium und Nowak begann sich fürs Staatsrecht zu interessieren. 1973, als General Augusto Pinochets Folterknechte wüteten, lernte er ein Opfer aus Chile persönlich kennen. "Mir ist schlecht geworden, ich hielt seine Erzählungen kaum aus." Nowak begann sich zu engagieren, verließ das damals so muffige Wien, studierte Menschenrechte an der Columbia-Universität in New York, gründete am dortigen Campus einen Ableger der Menschenrechtsorganisation amnesty international. Er forschte über Entwicklungspolitik und Agrarreformen, fuhr in einem Jahr mit dem Auto von Tunesien bis Niger. Zehn Jahre lang schrieb er an seiner Habilitation über politische Grundrechte und erkundete die Geschichte der Folter. Seine Erkenntnis: Jede noch so kleine Aufweichung des Folterverbotes wirkt verheerend. Wer die Büchse der Pandora öffne, setze nur noch Unheil in die Welt. Das sei nicht so dahergesagt, sagt Nowak, sondern wissenschaftlich und "empirisch belegbar".

Für erste internationale Schlagzeilen sorgte der Menschenrechtsprofessor Anfang der neunziger Jahre. Im Jahr 1992 schickten die Serben gerade die Bewohner der bosnischen Stadt Zvornik in plombierten Zügen Richtung Österreich. Das von Nowak gegründete Wiener Boltzmann Institut für Menschenrechte suchte mit einem Expertenteam rund 1000 Flüchtlinge in Asylheimen auf, befragte sie und verfasste die erste Dokumentation über die "ethnischen Säuberungen" der Serben und ihrer paramilitärischen Mörderbanden. Noch heute verwenden die Ankläger am Jugoslawien-Tribunal in Den Haag diese Wiener Studie, um Ex-Präsidenten Slobodan Milo∆eviƒ zu überführen.

Nowak wurde zum UN-Experten für Verschwundene im ehemaligen Jugoslawien. Für das Kriegsverbrechertribunal grub er in den Wäldern von Srebrenica. Er fand Leichen, deren Hände am Rücken gefesselt waren und deren Schädel Einschusslöcher aufwiesen. Nein, hier handelte es sich nicht um gefallene Soldaten, wie die Serben behauptet hatten, sondern um erste Hinweise auf den Völkermord. "Die USA", ärgert sich Nowak noch heute, "hatten damals kein Interesse, dass wir hier weiter graben. Sie gaben uns nicht einmal Personenschutz." Erst nach dem Friedensvertrag von Dayton sei der damalige US-Präsident Bill Clinton bereit gewesen, die Kriegsverbrechen aufzuklären.

Manfred Nowak schmiss den Job hin. Er blieb jedoch Richter am Höchstgericht in Bosnien. Dort erlebte er schon im Januar 2002 eine dieser seltsamen Aktionen, die heute ganz Europa aufwühlen. Sechs Bosnier standen unter Terrorverdacht, wurden jedoch freigelassen, weil es keine Beweise gegen sie gab. "Noch vor dem Gerichtsgebäude wurden sie von CIA-Agenten gekidnappt und nach Guantánamo verschleppt", erinnert sich Nowak. Dort sitzen sie noch heute.

Nowak wollte die Verschleppten eigentlich auf seiner Inspektion Anfang Dezember im US-Lager besuchen. Doch daraus wurde nichts. Gespräche mit Gefangenen über deren Haftbedingungen und Foltervorwürfe, so die Mitteilung, werde es für ihn nicht geben. Nowak sagte die Tour ab und sucht nun in aller Welt nach entlassenen Guantánamo-Häftlingen. Im März will er gemeinsam mit vier Experten vor der UN-Generalversammlung einen Bericht über die Haftbedingungen präsentieren. Haben die USA auf der kubanischen Insel etwas zu verbergen? Nowak sagt: Vor seinen Inspektionen brauche sich kein Rechtsstaat zu fürchten, "außer er hat die Tür zur Folter geöffnet". Denn die, sagt der Professor, markiere die Schwelle zwischen Zivilisation und Barbarei.

1950 geboren in Bad Aussee, Österreich

1992 Direktor des Wiener Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte

1993 UN-Experte für Verschwundene

1996–2003 Richter an der Menschenrechtskammer für Bosnien

1994 Unesco-Preis für Menschenrechtsbildung

Seit 2005 UN-Sonderberichterstatter Arbeitet zurzeit an einer Studie über die Haftbedingungen in Guantánamo