Nicht alles in Dresden ist barock. Der Architekt Daniel Libeskind wird im Auftrag des Bundes für rund 43 Millionen Euro einen subversiven Keil in das spätklassizistische Militärhistorische Museum der Bundeswehr treiben. Im Jahr 2008 wird man von dessen luftiger Höhe aus einen einmaligen Blick auf die Silhouette des so genannten Elbflorenz haben. Ein mutiger Schritt in die Zukunft einer Stadt, wo Touristen stundenlang im Regen anstehen, um die wiedererrichtete Frauenkirche zu besichtigen.

Dresden wird wohl noch lange vom Ruhm seiner berühmten Barockbauten zehren.

Schaut man jedoch hinter die ehrwürdigen Fassaden, kann man nicht übersehen, dass in Dresden viele junge Kreative dabei sind, die Umklammerung der Vergangenheit aufzubrechen. Im idyllischen Loschwitz beispielsweise, wo sich die künstlerische Elite der Stadt stets zu Hause fühlte, zeigt Museumsdirektor Bernd Heise im Leonhardi-Museum zeitgenössische Kunst unter anderem von Anna und Bernhard Blume und der israelischen Zeichnerin Yehudit Sasportas. Im Zentrum der Stadt, auf der Brühlschen Terrasse, arbeiten 530 Studenten der Hochschule für Bildende Künste (HfBK), zu denen unter anderem Thomas Scheibitz gehörte, erfolgreicher Teilnehmer der Biennale in Venedig.

Ein Glücksfall für den künstlerischen Nachwuchs in Sachsen und Thüringen ist auch der jetzt zum fünften Mal vergebene Marion-Ermer-Preis. Als die Münchnerin nach der Wende diverse Leipziger Immobilien im Wert von rund 150 Millionen Mark rückübertragen bekam, ließ sie sich von dem heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Jenoptik, Lothar Späth, zur Gründung einer Stiftung mit einem Kapital von zehn Millionen Mark animieren. Förderte diese Stiftung zunächst verschiedene Projekte, konzentriert sich das Förderprogramm nun auf vier junge Künstler aus den neuen Ländern: Vergeben wurden Preisgelder von je 5000 Euro und Kataloge zu einer Gruppenausstellung, die derzeit in der Dresdner HfBK läuft.

Dass eine externe Jury gute Entscheidungen im Sinne der Stiftung getroffen hat, beweisen Preisträger wie Tim Eitel oder die Reinigungsgesellschaft. In diesem Jahr wurden wieder höchst interessante junge Positionen ausgezeichnet: Jan Brokof beispielsweise, 1977 in Dresden geboren, arbeitet mit dem alten Medium des Holzschnitts. In zweijähriger Arbeit hat er mit dieser Technik sein früheres, nicht mehr existierendes Jugendzimmer in der Chemieretortenstadt Schwedt rekonstruiert, von der Bettdecke im schwarzweißen Blümenchendekor bis zum trostlosen Blick aus dem Fenster auf die nächste Platte. Jan Brokof wird von der seit zwei Jahren etablierten Galerie Baer vertreten, einer von etwa vier über die Stadtgrenzen hinaus operierenden Galerien. (Die Gebrüder Lehmann mit Eberhard Havekost und jüngst Olaf Holzapfel haben längst den Sprung auf die Art Basel Miami Beach geschafft.

Die Galeristin Elly Brose-Eiermann vom Büro für Kunst kann mit einer auf Schloss Wiepersdorf realisierten Videoarbeit des tschechischen Künstlers Pavel Mirkus einen Biennale-Teilnehmer aus Venedig präsentieren.)

Auch Preisträgerin Jana Gunstheimer, 1974 in Zwickau geboren, ist mit ihren fiktionalen Tatorten wie Der Fall Stammsitz auf dem Kunstmarkt bereits aufgetaucht, befördert von den Galerie Conrads Düsseldorf und der Römerapotheke in Zürich. Die Dresdnerin Stefanie Bühler, deren seltsam verkleinerten Menschenskulpturen man den Einfluss ihres Professors Martin Honert ansieht, hat den Sprung von der Schutzzone Akademie auf den Markt praktiziert, beispielsweise in die Galerie Diskurs in Berlin. Bis ins Goethe-Institut Paris sind in diesem Jahr die fiktiv-poetischen maritimen Fotoarbeiten des 1976 auf Rügen geborenen Sven Johne vorgerückt. So glücklich die Preisträger auf den Weg gebracht worden sind, so schlecht erging es jedoch Marion Ermer selbst. Die 1953 geborene Stifterin steht heute bei weitem schlechter da als ihre Stiftung. Ein zunächst eingesetzter generalbevollmächtigter Sparkassendirektor investierte ihr Vermögen in Golfplätze und eine Fluggesellschaft - mit makaberem Erfolg. Tatsache ist, dass die Stifterin heute ohne jegliches Vermögen ist und von einer Invalidenrente lebt. Aufgrund einer MS-Krankheit erblindete sie vor zehn Jahren. Bei der Vernissage in Dresden war sie nur im Hintergrund präsent.