Ausgerechnet in diesen weihnachtlichen Zeiten ist die Einfahrt zum ansehnlichen Landsitz des Londoner Unternehmers Mark Wilkens verschlossen. Besucher müssen warten, bis das massive Tor aufschwingt. Doch trieb nicht Angst vor Dieben den Möbeldesigner und Unternehmer zu der Maßnahme. Er könne vielmehr "den Anblick der Weihnachtslichter nicht mehr ertragen", erklärt er. Direkt gegenüber der Einfahrt bietet der neue Bungalow seines Nachbarn eine glitzernde, vielfarbige Lichterorgie. Tausende von Birnen illuminieren die Konturen, Schaltsysteme sorgen für rastlose, bunte Bewegung von Sternen, Kometenschweifen, Weihnachtsbäumen und einer Rentierkutsche samt Santa Claus. Schlimm? Es hätte schlimmer kommen können. Zumindest bleibt Mark Wilkens der Anblick eines riesigen, heliumgefüllten Weihnachtsmanns erspart, der – über den Dächern vieler hell beleuchteter Häuser schwebend – auf den Britischen Inseln in Mode gekommen ist.

Es glitzert und schimmert im vorweihnachtlichen Britannien, als ob nicht eben erst düstere Prognosen über einen möglichen winterlichen Blackout, den Zusammenbruch der Stromversorgung, durch die Medien geisterten. Vor allem auf dem Lande und in den Vorstädten wetteifern die Bewohner meist eher bescheidener Häuser darum, ihre Mitmenschen mit weihnachtlichen Lichtspielen zu beeindrucken. Gegner des ganzen Zaubers dokumentieren die bemerkenswertesten Exzesse auf der Internet-Seite "No more ugly Christmas lights".

Der Wettstreit der Illuminationen ist auch ein Ausdruck von Kulturkampf

Gerade in feineren Kreisen rümpft man die Nase über die c havs, die es von Jahr zu Jahr zu höherer Fertigkeit in der Kunst des Lichterkitsches bringen – wie grell, wie vulgär, wie neureich! Chavs heißen auf der Insel Leute ohne Geschmack, aber mit etwas Geld. Kulturpessimisten deuten den energieintensiven Weihnachtsglitzer gar als Indiz für den unaufhaltsamen Vormarsch einer amerikanisierten Proletenkultur.

In den Lichterorgien spiegelt sich zweifellos auch wachsender Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten wider, verbunden mit der gar nicht so klammheimlichen Lust, diesen zur Schau zu stellen. Früher war’s die Automarke, nun sind es zudem hochleistende Weihnachtslichter. Mögliche Sorgen über Stromkosten oder garstige Treibhausgase spielen da keine Rolle.

Doch es ist mehr als das. Im Wettstreit der Illuminationen klingt immer stärker ein Hauch von Kulturkampf an. Die Beleuchtungen, ob geschmacklos oder nicht, sollen vielfach auch als ein trotziges Bekenntnis zur christlichen Weihnacht verstanden werden. In ländlichen Kneipen erregen sich Zecher gern und oft über die neuesten Beispiele für idiotisch übertriebene Political Correctness.

Jetzt, kurz vor Weihnachten, häufen sich die einschlägigen Storys. An vielen Orten arbeiten hypersensible Lokalpolitiker und Verwaltungen unermüdlich daran, Weihnachten regelrecht auszumerzen – im Namen der Rücksicht auf religiöse Minderheiten. Birmingham verbannte christliche Symbole von öffentlichen Plätzen und taufte Weihnachten in winterval um. Der Rat des Londoner Stadteils Lambeth, seit langem als Hochburg der loony left (der verrückten Linken) bekannt, nennt die festliche Beleuchtung an öffentlichen Gebäuden in diesem Jahr Winterlichter und bizarrerweise auch Celebrity-Lichter. Was dem dortigen Stadtrat neben Protesten aus der Bevölkerung auch eine Menge redlich verdienten Spottes einheimste.