Amerikas Weihnachts-Krieg beginnt mit einer harmlosen Beschwerde. Eine Kundin des Handelskonzerns Wal-Mart ist unzufrieden und schreibt eine E-Mail. Sie bemängelt, Angestellte wünschten ihr nicht "Frohe Weihnachten", sondern nur "Schöne Feiertage". Weihnachtkarte von Präsident George W. Bush: Wie religiös dürfen präsidiale Grüße ausfallen? BILD

Der Kundendienst antwortet freundlich. Wal-Mart sei eine "weltumspannende Organisation". Vielerorts hätten die Menschen eigene Traditionen und feierten nicht "Weihnachten", dessen Wurzeln übrigens im "sibirischen Schamanismus" zu suchen seien. Es folgt ein historischer Exkurs, der den Weihnachtsmann in den Kaukasus, zu den Kelten und zu den Goten begleitet. Woraus der Wal-Mart-Mitarbeiter folgert: "Es ist eine weite, weite Welt."

Oh, hätte der Mann vom Kundendienst doch innegehalten! Denn seine E-Mail zieht Kreise und erreicht irgendwann Bill Donohue. Der ist Vorsitzender der Katholischen Liga, die sich rühmt, Amerikas "größte katholische Menschenrechts-Organisation" zu sein. Und die entdeckt flugs das Menschenrecht auf Weihnachten. Donohue fühlt sich unterdrückt durch religiös neutrale Grüße und protestiert bei der Wal-Mart-Zentrale. Antwort erhält er von einem Senior Manager, der seinen Respekt vor dem Christenfest bekundet. Es sei immerhin der einzige Tag, an dem Wal-Mart schließe, um seinen Angestellten Zeit für dieses "hohe Familienfest" zu geben. Allerdings – und hier nimmt das Unheil seinen Lauf – habe Wal-Mart auch Kunden, die das jüdische Chanukka oder das afrikanische Kwanza feierten. Man wolle "selbstverständlich", dass sich "auch diese Kunden in unseren Läden willkommen" fühlten.

Oh, hätte der Senior Manager doch innegehalten! Denn nun beginnen die Menschenrechtler, Wal-Marts Internet-Seiten auf christliche Korrektheit zu überprüfen. Sie finden: 200 Treffer für Chanukka, 77 für Kwanza. Und keine für Weihnachten! Stattdessen einen Link auf die "Feiertags"-Seite mit all den "Angeboten für die Winterferien". Entchristlichung des Weihnachts-Kommerzes – das ist zu viel. "Diskriminierung!", wettert Donohue. Und deshalb: "Boykott von Wal-Mart!" 126 religöse Organisationen will er auffordern mitzumachen. Amerikas große Religion gegen Amerikas große Kaufhauskette. Der Showdown dauert gerade mal 24 Stunden. Sofort entschuldigt sich Wal-Mart, wirft seinen polyglotten Kundendienstler raus und erlaubt seinen Mitarbeitern fortan die "Frohe Weihnacht".

Einmal geweckt, lässt sich freilich ein Verdacht nicht so leicht ausräumen. Flugs wird Target zum Ziel, Amerikas Version der Metro. Überall "Feiertags-Ornamente", "Feiertags-Teller", "Feiertags-Kataloge" und "Feiertags-Allerlei" – aber nirgends Weihnachten. Diesmal ruft die American Family Association den Boykott aus, und eine halbe Million Weihnachts-Krieger unterschreibt einen Aufruf. So was hält kein Unternehmen lange aus. Drum ist Weihnachten seit der zweiten Dezemberwoche ins Target-Reich zurückgekehrt. Und Amerikas Einzelhandel zittert. Friede auf Erden? Nicht in den Geschäften: Sears, Lowe’s, Lands’ End, Macy’s, Costco, KMart – alle bedroht der Weihnachts-Kreuzzug.

In Bill O’Reilly findet die Christen-Armee ihren General. Durch seine Talkshow auf Fox News befehligt er die Truppen. Moderatoren-Kollege John Gibson hat schon ein Buch über den War on Christmas vorgelegt. Die Schuld am Kriegsausbruch weist er jenen "Linksliberalen" zu, die sich "verschworen" hätten, das "heilige Weihnachtsfest" aus Amerika zu "verbannen". So entpuppt sich der Christkindl-Streit als Teil von Amerikas ewigem Kulturkampf.

Tatsächlich ist Weihnachten als Christenfest in der amerikanischen Öffentlichkeit auf dem Rückzug. Überall werden Symbole einer neuen Realität angepasst. Neuerdings wird die jüdische Menora neben dem Krippenspiel ausgestellt. Vor vier Jahren ehrte erstmals eine Sondermarke der Post das Ende des Fastenmonats Ramadan. Ein Land, das in rasender Geschwindigkeit multi-religiös und multi-ethnisch wird, will vor Bürgern anderen Glaubens Respekt bezeugen. In Amerika sollen Einwanderer keine Vorstädte anzünden, sondern sich willkommen fühlen. Die Folgen sind kurios. Um beim "Winterfest" auch wirklich "jeden einzuschließen", wünscht Washingtons Rock Sender FM 94,7 seinen Hörern jetzt täglich "Happy Christma-Kwansaka".