Gestern Terror, heute Mehrwertsteuer und Peter Hartz: Wie schnell das geht! Nach einer Schrecksekunde fand sogar die notorisch aufgeregte Öffentlichkeit der Deutschen wieder zum Tagesgeschehen zurück. War das wirklich erst vergangene Woche, der 7. Juli von London? Die Geschwindigkeit, mit der Politik und Medien des terrorgefährdeten Westens die Metzelei verarbeiteten, das Tempo, in dem sie ihre Folgerungen zogen und die Gefühle sublimierten, das war schon atemberaubend. Und an der Börse nur eine Delle.

Gerade diese Gefasstheit signalisiert den Eintritt in eine neue Phase. Europa hat damit begonnen, den islamistischen Terror als Teil seiner Wirklichkeit zu begreifen. Das widerwärtige Phänomen wird in die Risikobilanz des Lebens in diesen offenen Systemen eingerechnet. Mit anderen Worten: Der Terror ist normal geworden. Normal für wen? Für die Davongekommenen. Es ist wie im Krieg: Die einen fallen, für die anderen geht das Leben weiter.

In mancher Hinsicht war London ein Sonderfall. Die Zahl der Opfer war geringer als in Madrid oder gar in New York; Bürger und Behörden zeigten sich gut vorbereitet; und ohnehin sind die Briten erfahren im Umgang mit dem Terror, erst dem der deutschen Luftwaffe und dann demjenigen der IRA. Das alles trug dazu bei, dass London der Welt ein Beispiel geben konnte.

Was haben wir für Bilder gesehen! Am Schreckenstag erwiesen die Londoner sich jenen Respekt, der die Existenzbedingung einer Gesellschaft freier Menschen ist. Man begegnete einander aufmerksam, höflich und ernsthaft. Gerettete Gentlemen ließen den Damen den Vortritt. Und die Bürger kümmerten sich umeinander.

Nicht nur um den jeweils Nächsten; E-Mails, SMS, Weblogs und die Internet-Fotodatenbank Flickr knüpften ein weit gespanntes Netz der Solidarität. Staat und Zivilgesellschaft sorgten sich in einer Weise um die gemeinsame, die öffentliche Sache, um die Res publica, wie es selbst dem antiken Rom vielleicht nur 500 Jahre vor Christus im Existenzkampf gegen die Etrusker gelungen war.

Die Selbstmordattentäter von London wollten den Schrecken entfesseln und erzeugten doch nur beherrschten Trotz. Falsch aber wäre es, angesichts dieser taktischen Niederlage des Verbrechens das business as usual zum Prinzip des Antiterrorkampfes zu erklären. Stattdessen lehrt gerade der 7. Juli, dass jedes Nachlassen der Spannkraft des Westens todbringend wäre. Denn warum wohl hatten die Täter ihren Angriff mit Sprengstoff und nicht mit chemischen oder strahlenden Waffen geführt? Mit Rucksäcken und nicht mit Flugzeugen? In Bus und Bahn und nicht im Fußballstadion? Wohl kaum aufgrund taktischer Erwägungen, sondern wegen des Fahndungsdrucks, der Schlimmeres verhütete. Bisher. Das Leben in den Metropolen lässt sich gegen den Dschihad nicht verkapseln.

Dieser Gotteskrieg ist von keinem strategischen Zweck eingehegt und mit Clausewitzschen Prinzipien nicht zu begreifen. Terroristen wie diese wollen sich – anders als die IRA – nicht etwa an den Verhandlungstisch bomben, vielmehr ist ihnen die Tat selbst heilig und der Selbstmordattentäter ein Märtyrer. Ihr Kampf folgt nicht den Gesetzen der dosierten Waffenwirkung oder der allmählichen Eskalation. Seine Seele ist der Hass, der entbrennt, wenn eine suprematistische Ideologie oder Religion auf eine geradezu provozierend erfolgreichere Gesellschaftsordnung stößt. Grenzenlos ist dieser Hass, und er ergreift jede Gelegenheit, die sich ihm bietet.