Indien ist ein Atomwaffenstaat und bis heute nicht dem Atomsperrvertrag beigetreten. Deshalb haben die Vereinigten Staaten den Export von kerntechnischem Material nach Indien stets boykottiert. Gestern jedoch steuerte der amerikanische Präsident George W. Bush um: Er unterzeichnete gemeinsam mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh ein Abkommen, das dem südasiatischen Land technische Unterstützung für den Ausbau der zivilen Kernenergie zusagt. Im Gegenzug unterwerfen die Inder ihre Atomanlagen internationaler Kontrolle und verzichten auf weitere Atomwaffentests.

Ist das ein Erfolg in dem Bemühen, die Weiterverbreitung von Atomwaffen (Proliferation) einzudämmen? Das kann man so sehen. Immerhin ist Indien jetzt dafür belohnt worden, dass seine Kernwaffentechnik nicht in andere Länder gesickert ist - anders etwa als diejenige des Erzrivalen Pakistan. Und es ließe sich auch argumentieren, dass jede Abmachung, die der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien mehr Inspektionsrechte einräumt als bisher, ein Fortschritt ist.

Düpiert dürften sich nun freilich jene Mächte fühlen, die als Mitglieder des Atomwaffensperrvertrags mehr oder weniger brav auf die Entwicklung von Kernwaffen verzichtet haben und jetzt den Eindruck gewinnen könnten, dass "draußen bleiben, Waffen bauen und trotzdem mit nuklearer Kooperation belohnt werden" durchaus eine Option gewesen wäre. Die Rede ist von Brasilien (und vielleicht sogar von dessen Rivalen Argentinien), von Südafrika, der Türkei, Saudi Arabien (und womöglich Ägypten) sowie von den drei Mächten, die sich vor Nordkoreas und Chinas Atomwaffen fürchten müssen: Südkorea, Japan und Taiwan.

Doch um zu einer Bewertung zu kommen, lohnt es sich, die geteilten Reaktionen im nuklearen Establishment Indiens zu betrachten. Die Abmachung mit Washington missfällt dort zunächst einmal all jenen, die gehofft hatten, irgendwann einmal dem Atomwaffensperrvertrag als voll anerkannter Kernwaffenstaat beitreten zu können, also als Mitglied des Klubs der Nuklearmächte und nicht des großen Vereins der nuklearen Habenichtse. Wird nichts draus. Außerdem sind bereits warnende Stimmen aus der indischen nuclear community zu hören, denen die Präsenz von IAEA-Inspektoren nicht passt und die sich überdies sorgen, dass die Zusammenarbeit mit den USA neue Prioritäten setzen könnte: Leichtwasserreaktoren amerikanischen Typs anstelle von Schnellen Brütern eigener Bauart.

Das Motiv Washingtons? Nicht nur non-Proliferation. Bisher bevorzugten die USA Pakistan aus strategischen Gründen, insbesondere wegen der besonderen Bedeutung dieses Landes für den Kampf gegen den Terror. Doch Indien empfiehlt sich als Partner für ein geostrategisches Feld, das auf lange Sicht wichtiger werden dürfte: die Rivalität zwischen Amerika und - China.

Gero von Randow