Kiel, ein Dezemberabend des Jahres 1789, Mitternacht vorbei. In einem stattlichen Haus nahe der alten Stadtmauer geht es hoch her. Es wird gestritten und gelacht. 18Herren feiern die neue Epoche der Weltgeschichte. Auf dem Tisch sind, wie ein Bukett, ausgewählte Bücher drappiert, die Schriften Luthers, Montesquieus, Mirabeaus und anderer aufrührerischer Geister. Obenauf Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag. In der Mitte aber liegt eine Reliquie besonderer Art: ein Stein aus der Bastille. Große Pokale umgeben ihn, gefüllt mit rotem Wein. Sie symbolisieren die Türme des Pariser Kerkers, der am 14. Juli vom Volk gestürmt worden ist. Am frühen Morgen erhebt sich der Gastgeber und greift sich einen der Pokale, einen der Türme. Alle stehen auf, begeistert, schwenken ihr Glas und trinken auf die Freiheit.

Carl Friedrich Cramer heißt der Zeremonienmeister dieses emphatischen Abends, Professor der "griechischen und morgenländischen Litteratur" in Kiel. Er versteht es, Aufmerksamkeit zu erregen. Er liebt die große Geste, das große Wort, heute wäre er gewiss ein grandioser Event-Manager. Aber er ist auch ein fleißiger Arbeiter im Weinberg der Freiheit, im Weinberg des neuen Europas.

Denn es waren ja nicht erst die entschiedenen Kosmopoliten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, von Heinrich Heine bis zu Jean Jaurès, von Romain Rolland bis zu Bertha von Suttner oder dem deutschen Publizisten Emil Ludwig, nicht erst die pragmatischen Europäer der Zwischen- und der Nachkriegszeit, die, oft verzweifelt, an dem in Freiheit vereinten Europa arbeiteten. Den Anfang zur Überwindung des Nationalismus machten – paradoxerweise just in jener Zeit, als der Nationalismus gerade erst erblühte – Menschen wie Condorcet, wie der viel geschmähte Jean-Baptiste Cloots oder Goethes Freund Karl Friedrich Reinhard, der Württemberger, der für eine kurze Zeit sogar als französischer Außenminister fungierte. Oder eben Carl Friedrich Cramer. Auch er war einer der Pioniere des heutigen Europas, allerdings in jenem Geist der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, der in Brüssel ein wenig in Vergessenheit zu geraten scheint.

Ländergrenzen existierten für Cramer nur auf der Landkarte. Stationen seines Lebens waren Kopenhagen und Kiel, Hamburg und – von 1795 an – Paris. Von dort berichtete er über die großen Umbrüche der Zeit und engagierte sich als charismatischer Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland, nicht zuletzt als Übersetzer. Aber auch andere Kulturen bezog er mit ein, so die dänische, und wirkte dabei bereits im Sinne einer "Weltliteratur", wie Goethe sie gefordert hatte.

Goethe le haïra jusqu’au dernier jour

Geboren am 7. März 1752 in Quedlinburg, wächst er in der Nähe von Kopenhagen auf, in einer Atmosphäre geistiger Freiheit. Sein Vater ist Hofprediger, ein aufgeklärter Professor der Theologie. Durch ihn lernt der Junge die Autoren der Zeit auch persönlich kennen: Matthias Claudius, für dessen Wandsbecker Bothen er später schreiben wird, und Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, den Wegbereiter des Sturm und Drangs. Vor allem aber das Idol der Jugend, Friedrich Gottlieb Klopstock. Er ist es, an dem sich der junge Mann orientiert und der seinen Lebensweg bestimmen soll.

In Göttingen studiert Cramer Theologie, schließt sich dem legendären Hainbund an und veröffentlicht erste schwärmerische Gedichte in den Almanachen dieses Clubs der jungen Dichter. Nur mag er deren Deutschtümelei nicht und das antifranzösische Ressentiment. "Schon 1772", schreibt er rückblickend, "als [Johann Heinrich] Voss sein sarcastisches Gedicht: ›an die Herren Franzosen‹ machte, gefiel es mir des Geistes wegen darin, aber nicht als Wahrheit. Wie oft habe ich mich bis aufs Blut […] über den Nationalwerth der Franken [Franzosen] gezankt."

1775 wird Cramer, gerade 23 Jahre alt, Professor im damals von Kopenhagen aus verwalteten Kiel. Dasselbe Jahr noch heiratet er, Maria Cäcilia Eitzen heißt die Braut, Tochter eines Weinhändlers aus Itzehoe. Der Beruf macht ihm Freude. Enthusiastisch verlässt der junge Gelehrte oft den Kreis der antiken Literatur und liest über die Dichtung lebender Autoren, unglaublich damals.