Schnurgerade verläuft die Straße, am Horizont glitzert der Himmel. Oder ist es das Meer? Rechts und links Olivenhaine hinter Steinmauern. Rote, frisch aufgeworfene Erde, sorgsam beschnittene Ölbäume, zu Ballen geschnürte Reisigbündel, Kaminanzünder für den Winter. Das Nachmittagszwielicht wirft lange Schatten auf das Pflaster, die Gedanken fliegen voran. Stopp. Ein Stoppschild, wie aus dem Nichts, vor einer schmalen Straße, einem Trampelpfad eher. Von links kommt nichts. Von rechts kommt ein Schaf. Noch ein Schaf. Es ist eine Herde von kahl Geschorenen, die Ohren und Köpfe matt hängen lassen. Überfahre nie ein Stoppschild im Salento, und sei es noch so absurd. Es könnte ein Schaf dahinter lauern.


Zu trügerischen Horizonten tragen die Straßen im äußersten Südosten Italiens. Finis Terrae nannten die Römer den Stiefalabsatz: Ende der Welt. So abgelegen ist die Halbinsel des Salento zwischen dem Ionischen Meer und der Adria bis heute geblieben. Irgendwo hinter Bari und Brindisi, ohne Flughafen und Autobahnen. Eine Welt für sich. Im Salento kann man sich verirren, sagen die Einheimischen. Das Land ist flach, aber voller Dörfer, 97 sind es allein in der Provinz Lecce. Und wer in eines gefahren ist, der findet so schnell nicht wieder heraus. Stets dreht sich ein Gewirr immer gleich erscheinender Sträßchen mit niedrigen, weißen Häusern um das Wahrzeichen des Dorfes, eine pompöse Barockkirche. So überproportional groß, dass etwa die Ortschaft Uggiano bei Otranto seit dem Bau ihres Gotteshauses den Namenszusatz la Chiesa trägt – die Kirche. Alle Straßen führen zum Kirchplatz und irgendwann auch wieder aus Uggiano la Chiesa heraus. Vielleicht. Wenn man nicht doch lieber bleiben möchte.

Viele sind in den letzten dreitausend Jahren in das Salento gekommen, haben seine Küsten erkundet und sich in seinen Straßen verfangen, haben Megalithen und Dolmen hinterlassen, Amphitheater und Aquädukte, später Sarazenentürme und barocke Palazzi. Transitland und Kolonisationsgebiet war das Salento für das Balkanvolk der Illyrer, für Griechen und Römer, Byzantiner und Normannen, Eroberungsraum für Türken und Spanier, bis vor drei Sommern dann das Sehnsuchtsziel für Zehntausende von Albanern, die sich durch den Kanal von Otranto nach Italien aufmachten.

"Den Albanern haben wir zu verdanken, dass Otranto in der Welt bekannt wurde", sagt die füllige Buchhändlerin Maria, die in der Via Melorio ihren Laden betreibt, und sieht ihrer kleinen Tochter nach, die vor Regalen von Salento-Literatur mit dem Dreirad auf und ab fährt. "Im Fernsehen sah man ja nicht nur die Flüchtlinge auf ihren Seelenverkäufern, sondern auch unsere Stadt. Das Kastell, den Dom, die Strände. Plötzlich wusste man in Italien und anderswo wieder, dass es Otranto gibt." Die Albaner wurden im Salento eher mitleidig als misstrauisch beäugt, wie ärmere Vettern, die von der Geschichte benachteiligt worden waren. Man kennt sich ja schon lange. Das Hotel Albania in Otranto ist eine gute Adresse.

Inzwischen schippern die Bootsflüchtlinge nicht mehr aus Albanien nach Apulien, sondern aus Nordafrika nach Sizilien, wo die Notaufnahmelager hermetisch abgeriegelt werden. Und zwischen Otranto, Lecce und Gallipoli hat sich das bunte Volk der Radical Chic niedergelassen, ein Invasorenstamm, der das Salento bis in seine abgelegensten Winkel zu durchdringen sucht. Es sind enthusiastische, lernwillige, vor allem aber großzügig zahlende Gäste. Zu Wasser besteigen die Radical Chic ihre Segelyacht, zu Land den Jaguar. Zwischendurch schwitzen sie sich in den steilen Straßen um das Cap von Santa Maria di Leuca ein paar Pfunde auf dem Mountainbike ab und präsentieren ihre nicht mehr ganz jungen, aber Pilates-gestählten Körper zum Pizzica-Tanz auf den Patronatsfesten. Sie kommen aus Mailand, Florenz, Bologna oder Rom, wo sie als Rechtsanwälte, Börsenmakler oder Politiker arbeiten.

Der Bischof umarmt und küsst jeden einzelnen Gast

Radical Chic ist zwar kein italienischer Begriff, aber fest im italienischen Wortschatz verankert. Dahinter verbirgt sich eine Mischung aus linken Überzeugungen, alternativen Träumen und unverkrampft gelebtem Snobismus verbirgt. Irgendetwas zwischen Salonkommunisten und Schickeria, aber mit Sinn für jene Eleganz, die im einfachen Leben liegen kann. Die deutsche Toskana-Fraktion verhält sich zum Radical Chic wie der Piaggio-Pritschenwagen zum Ferrari und wie Mittelitalien zu Apulien – Bauernland und Mittelalter gegen eine himmelwärts schwebende Landschaft und schwelgenden Barock.

Im Berlusconi-Italien haben sich die Radical Chic zu rastlosen Nomaden entwickelt, deren einstigen Rückzugsorte heute hoffnungslos out sind. Nach Sardinien fahren längst nur noch Immobilienmakler und die Wasserträger des Regierungslagers inklusive des Personals vom Berlusconi-Fernsehen und der Fußballprofis des AC Mailand. Capri ist seit 150 Jahren schick, war aber nie wirklich radikal. In der Maremma tummeln sich außer dem immer massiger werdenden Staatsdichter Umberto Eco lauter Ehemalige, die neben ihrer früheren Form auch die ideologische Substanz ihrer Jugend abgelegt haben und sich von linken Savonarolas zu neoliberalen Marktschreiern gewendet haben.