Die Apulien-Fraktion – Seite 1

Schnurgerade verläuft die Straße, am Horizont glitzert der Himmel. Oder ist es das Meer? Rechts und links Olivenhaine hinter Steinmauern. Rote, frisch aufgeworfene Erde, sorgsam beschnittene Ölbäume, zu Ballen geschnürte Reisigbündel, Kaminanzünder für den Winter. Das Nachmittagszwielicht wirft lange Schatten auf das Pflaster, die Gedanken fliegen voran. Stopp. Ein Stoppschild, wie aus dem Nichts, vor einer schmalen Straße, einem Trampelpfad eher. Von links kommt nichts. Von rechts kommt ein Schaf. Noch ein Schaf. Es ist eine Herde von kahl Geschorenen, die Ohren und Köpfe matt hängen lassen. Überfahre nie ein Stoppschild im Salento, und sei es noch so absurd. Es könnte ein Schaf dahinter lauern.


Zu trügerischen Horizonten tragen die Straßen im äußersten Südosten Italiens. Finis Terrae nannten die Römer den Stiefalabsatz: Ende der Welt. So abgelegen ist die Halbinsel des Salento zwischen dem Ionischen Meer und der Adria bis heute geblieben. Irgendwo hinter Bari und Brindisi, ohne Flughafen und Autobahnen. Eine Welt für sich. Im Salento kann man sich verirren, sagen die Einheimischen. Das Land ist flach, aber voller Dörfer, 97 sind es allein in der Provinz Lecce. Und wer in eines gefahren ist, der findet so schnell nicht wieder heraus. Stets dreht sich ein Gewirr immer gleich erscheinender Sträßchen mit niedrigen, weißen Häusern um das Wahrzeichen des Dorfes, eine pompöse Barockkirche. So überproportional groß, dass etwa die Ortschaft Uggiano bei Otranto seit dem Bau ihres Gotteshauses den Namenszusatz la Chiesa trägt – die Kirche. Alle Straßen führen zum Kirchplatz und irgendwann auch wieder aus Uggiano la Chiesa heraus. Vielleicht. Wenn man nicht doch lieber bleiben möchte.

Viele sind in den letzten dreitausend Jahren in das Salento gekommen, haben seine Küsten erkundet und sich in seinen Straßen verfangen, haben Megalithen und Dolmen hinterlassen, Amphitheater und Aquädukte, später Sarazenentürme und barocke Palazzi. Transitland und Kolonisationsgebiet war das Salento für das Balkanvolk der Illyrer, für Griechen und Römer, Byzantiner und Normannen, Eroberungsraum für Türken und Spanier, bis vor drei Sommern dann das Sehnsuchtsziel für Zehntausende von Albanern, die sich durch den Kanal von Otranto nach Italien aufmachten.

"Den Albanern haben wir zu verdanken, dass Otranto in der Welt bekannt wurde", sagt die füllige Buchhändlerin Maria, die in der Via Melorio ihren Laden betreibt, und sieht ihrer kleinen Tochter nach, die vor Regalen von Salento-Literatur mit dem Dreirad auf und ab fährt. "Im Fernsehen sah man ja nicht nur die Flüchtlinge auf ihren Seelenverkäufern, sondern auch unsere Stadt. Das Kastell, den Dom, die Strände. Plötzlich wusste man in Italien und anderswo wieder, dass es Otranto gibt." Die Albaner wurden im Salento eher mitleidig als misstrauisch beäugt, wie ärmere Vettern, die von der Geschichte benachteiligt worden waren. Man kennt sich ja schon lange. Das Hotel Albania in Otranto ist eine gute Adresse.

Inzwischen schippern die Bootsflüchtlinge nicht mehr aus Albanien nach Apulien, sondern aus Nordafrika nach Sizilien, wo die Notaufnahmelager hermetisch abgeriegelt werden. Und zwischen Otranto, Lecce und Gallipoli hat sich das bunte Volk der Radical Chic niedergelassen, ein Invasorenstamm, der das Salento bis in seine abgelegensten Winkel zu durchdringen sucht. Es sind enthusiastische, lernwillige, vor allem aber großzügig zahlende Gäste. Zu Wasser besteigen die Radical Chic ihre Segelyacht, zu Land den Jaguar. Zwischendurch schwitzen sie sich in den steilen Straßen um das Cap von Santa Maria di Leuca ein paar Pfunde auf dem Mountainbike ab und präsentieren ihre nicht mehr ganz jungen, aber Pilates-gestählten Körper zum Pizzica-Tanz auf den Patronatsfesten. Sie kommen aus Mailand, Florenz, Bologna oder Rom, wo sie als Rechtsanwälte, Börsenmakler oder Politiker arbeiten.

Der Bischof umarmt und küsst jeden einzelnen Gast

Radical Chic ist zwar kein italienischer Begriff, aber fest im italienischen Wortschatz verankert. Dahinter verbirgt sich eine Mischung aus linken Überzeugungen, alternativen Träumen und unverkrampft gelebtem Snobismus verbirgt. Irgendetwas zwischen Salonkommunisten und Schickeria, aber mit Sinn für jene Eleganz, die im einfachen Leben liegen kann. Die deutsche Toskana-Fraktion verhält sich zum Radical Chic wie der Piaggio-Pritschenwagen zum Ferrari und wie Mittelitalien zu Apulien – Bauernland und Mittelalter gegen eine himmelwärts schwebende Landschaft und schwelgenden Barock.

Im Berlusconi-Italien haben sich die Radical Chic zu rastlosen Nomaden entwickelt, deren einstigen Rückzugsorte heute hoffnungslos out sind. Nach Sardinien fahren längst nur noch Immobilienmakler und die Wasserträger des Regierungslagers inklusive des Personals vom Berlusconi-Fernsehen und der Fußballprofis des AC Mailand. Capri ist seit 150 Jahren schick, war aber nie wirklich radikal. In der Maremma tummeln sich außer dem immer massiger werdenden Staatsdichter Umberto Eco lauter Ehemalige, die neben ihrer früheren Form auch die ideologische Substanz ihrer Jugend abgelegt haben und sich von linken Savonarolas zu neoliberalen Marktschreiern gewendet haben.

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Bleibt Finis Terrae, das Salento, uralte Kulturlandschaft mit Rotweinen wie dem Salice und dem Primitivo, mit einer Einwohnerschaft, die so knorrig ist wie die von ihr hingebungsvoll gepflegten Olivenbäume (Apulien hält 12 Prozent der Weltproduktion von Olivenöl), viel katholischer als die Römer (94 Prozent) und doch so weltoffen, dass sie kürzlich einen homosexuellen Kommunisten zum Präsidenten der Region gewählt hat. Das Salento bietet die richtige Kombination aus lokal und global. "Dorf des Friedens" oder "Nicht-OGM-Gemeinde" steht über den Ortsschildern, was heißt, dass der Gemeinderat dort sich gegen organismi geneticamente modificati, also genmanipulierte Landwirtschaftsprodukte ausgesprochen hat. Die Oliven sollen bleiben, wie sie sind. Nicht, dass Genmanipulation das drängende Thema in apulischen Gemeinderäten wäre. Aber man will doch Stellung beziehen in globalen Debatten. Und die Tradition gehört verteidigt, schließlich ist sie das wichtigste Exportgut.

Neuerdings gehört dazu auch die aus arabisch-griechischen Einflüssen entwachsene Ethnomusik, jene Pizzica ("Stich"), zu der die Salentiner, Männer wie Frauen, wie von der Tarantel gestochen, loslegen. Gruppen wie Sud Sound System und Mascarimirì füllen mit der Pizzica Tarantata und Salento-Raggae die Konzerthallen in Norditalien, aber zu den Patronatsfesten des Salento treten auch sie immer noch auf. Flirrend wie die Julihitze über der Ebene, verwirrend wie das Labyrinth ihrer Straßen, versetzt die Musik dann die Gemeinde in Trance. "Wir danken dem heiligen Rochus und dem heiligen Vitus" haben Mascarimirì (Madonna mia, im Dialekt) auf die Hülle ihrer neuen CD geschrieben, die jedes Salento-Schaf in Lebensgefahr bringen könnte, wenn man sie im Auto hört.

Uli Leitner kann sich noch gut daran erinnern, wie sie in Otranto auf der Straße handbemalte Stoffe verkaufte. Eine Menge Künstler gab es hier schon vor 25 Jahren, als sie ihrem Mann Amleto Sozzo aus Südtirol ins Salento folgte. "Nur die Kundschaft ließ ein bisschen auf sich warten." Inzwischen haben die beiden ein Geschäft für Ulis Kleider und Amletos Bilder. "Die Norditaliener rennen uns die Bude ein. Manche Kundinnen wollen mich überzeugen, meine Sachen an Boutiquen in ihren Heimatstädten zu liefern." Aber Signora Leitner bleibt lieber ihr eigener Chef. Und Amleto hat auf die gemeinsame Visitenkarte geschrieben: "Wenn du einen Freund suchst, achte nicht darauf, ob er schwarz oder weiß ist." So viel politisch korrekte Toleranz zieht viele magisch an.

Sich öffnen, ohne sich zu verändern, ist die Vorgabe im Salento. Und so sucht man zwischen den weithin berühmten Barockbauten der Provinzhauptstadt Lecce vergebens Fast-Food-Restaurants oder Filialen der großen Modemarken. Stattdessen finden sich Steinmetze, die aus honiggelbem Tuffstein moderne Schalen und Schmuck herstellen, und Trattorien, die ihr Essen im Dialekt anbieten. Orecchiette (Öhrchen-Nudeln) mit scharfem Ricotta oder Pferdefleisch-Ragout zum Beispiel.

Es ist ein heißer Abend in Lecce, um die 30 Grad noch nach Sonnenuntergang. Scharen von Mauerseglern fliegen im Sturzflug die vom Tageslicht erhitzten Fassaden ab. Auf dem Domplatz feiert der Bischof sein 25-jähriges Amtsjubiläum. Orden und Bruderschaften haben sich unter dem goldenen Bischofsthron versammelt, ihre Zahl ist beeindruckend. Seit im 17. Jahrhundert die reichen Feudalherren des Salento Lecce zur repräsentativen Kapitale ausbauten, hat die Verbindung zwischen Honoratioren und Kirche fest gehalten. Im Convento dei Celestini gleich neben der grandiosen Basilika von Santa Croce residiert die Provinzverwaltung. Zeitgleich zum Bischofsjubiläum feiert im Kloster-Innenhof eine Tanzschule ihren Abschlussball, die Mütter in klassischen, tief ausgeschnittenen Kostümen, die Väter bewaffnet mit Digitalkameras. Im Sommer bleiben die Leute von Lecce unter sich. Die Touristen sind lieber draußen am Meer. Zwei Stunden dauert auf dem Domplatz die Messe, dann umarmt und küsst der Bischof jeden einzelnen Gast. Kein Lufthauch weht. Erst gegen Mitternacht geht die Festgemeinde nach Hause, da gleicht der leere Platz in seiner architektonischen Grandezza und Perfektion einer Kulisse. Die Mauersegler haben Fledermäusen Platz gemacht.

Finis Terrae, das Ende der Welt, kann dem Paradies sehr nahe sein. Ein paar Kilometer nördlich von Otranto muss man dem Instinkt mehr vertrauen als den Hinweisschildern, die gibt es nämlich nicht. Ein schmaler Weg, der in einem Pinienwald aufhört. Das Rauschen des Meeres. Ein Pfad über der Felsenkante. Da liegt sie schon, die Adria, schimmernd in durchsichtigstem Blau, changierend zwischen Kobalt und Türkis, glatt wie Seide. Die Adria! Der kleine Strand mit schneeweißem Sand heißt Baia dei Turchi. Es gibt eine kleine Badeanstalt mit Sonnenschirmvermietung, aber ohne Toilette. Ansonsten ist hier Wildnis. In die Felsen sind dämonische Fratzen gekratzt, Visionen vielleicht der Pizzica, vielleicht auch nur eines frühzeitlichen Sonnenstichs. Am Ende der Welt das perfekte Meer. Italiens sauberste Strände liegen im Salento, sagen die Umweltschützer.

Die Straße zum Cap ist so spektakulär wie die Amalfitana, nur eben leer

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Gewunden führt die Straße nach Santa Maria di Leuca, zum Cap. Eine der schönsten Straßen im Land, spektakulär wie die Amalfitana, mit Oleanderbüschen und frisch gestrichenen Villen aus der Jahrhundertwende gesäumt, doch unbekannt und leer. Nur ein paar Radfahrer sind unterwegs – das Salento, der ordentlichste und properste Landstrich des sonst so chaotischen Mezzogiorno, ist voller Radwege. Links unten gibt es famose Meeresgrotten, die man nur mit dem Boot erfahren kann – das nächste Mal.

Ins Salento kehrt man nicht zurück, sagen die Leute hier, man entdeckt es nur immer wieder neu. Am Cap steht eine Kirche. Santa Maria de Finibus Terrae wurde schon im Jahr 343 von Papst Julius I. geweiht und im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zerstört. Johannes Paul II. verlieh der schlichten Barockkirche den Titel einer päpstlichen Basilika, sie ist ein wichtiger Wallfahrtsort. Wer ins Paradies will, muss hier vorbei, sagt eine Legende. Vor der Pforte, hoch auf dem Felsen über Mar Ionio und Mar Adriatico, gibt es eine Kaffeebar, deren Espresso wahrscheinlich noch zum Fegefeuer gehört.

Das Ionische Meer beginnt mit einer Felsküste, auf der riesige Büsche von Thymian wachsen. Vor Gallipoli kommt der Sand, kommen Kilometer von Stränden, und es kommt die Unordnung. Planlose Bebauung, dieser Teil des Salento ist zu schnell gewachsen, wurde in Windeseile hochgezogen, auf einen Strom von Touristen hoffend, der noch nicht eingetroffen ist. Für den Massentourismus ist das Salento zu abgelegen, sind seine Straßen nicht breit genug und seine Städte zu klein.

Gallipoli liegt auf einer Halbinsel im Ionischen Meer. "Ganz weiß, unter der Sonne schwitzend wie eine Stadt an der Küste Nordafrikas", bemerkte Gabriele D’Annunzio. Damals, 1895, fanden sich in Gallipoli schon die ersten Spuren des Radical Chic. Jetzt ist dieses merkwürdige, im Wasser schwimmende Städtchen, in dem alle Straßen zum Meer führen, als feudo des früheren Ministerpräsidenten Massimo D’Alema bekannt, der hier zuerst nur den Urlaub verbrachte und dann seinen Wahlkreis einrichtete, obwohl er eigentlich in Rom zu Hause ist. Der Exkommunist D’Alema und seine Freunde machten Gallipoli zum neuen Traumhafen der italienischen Linken, und als der rote Massimo eine weiße Segelyacht in Gallipoli vor Anker legte, war ein weiteres Tabu gebrochen – ein Kommunist leistete sich das Statussymbol von Großkapitalisten wie Agnelli und Berlusconi. Fortan schaut Italien im Sommer auf Gallipoli: Mit welchem Freund oder Gegner speist D’Alema im Hafenrestaurant, welche Koalitionen werden dort geschmiedet, welche gesprengt?

Noch aber hat das Parlament keine Ferien. Auf dem Hafenkai sitzen Fischer und flicken die Netze. Manche schleppen ihr Handwerkszeug lieber in den kühlen Schatten ihrer Wohnküche, denn auf Gallipoli, da hat der alte Dandy D’Annunzio Recht, brennt erbarmungslos die Sonne. Ein Scherenschleifer radelt durch die Gassen, Großväter fahren ihre Enkel auf der Vespa spazieren, es ist zu heiß heute für den Helm. Im Kreuzgang von San Domenico spielt eine junge Frau Klavier. Und im Caffè Sport unweit der Kathedrale versammeln sich die Alten. Ihre Schirmmützen haben sie tief in den Nacken geschoben, die Sportzeitung ist ausgelesen und ausdiskutiert, nun sind die Touristinnen dran. Jede, die vorbeikommt, bekommt ein Schnalzen, einen nicht immer jugendfreien Kommentar. Für die Opas am Ende der Welt ist das ihr Stück vom Paradies.