Bleibt Finis Terrae, das Salento, uralte Kulturlandschaft mit Rotweinen wie dem Salice und dem Primitivo, mit einer Einwohnerschaft, die so knorrig ist wie die von ihr hingebungsvoll gepflegten Olivenbäume (Apulien hält 12 Prozent der Weltproduktion von Olivenöl), viel katholischer als die Römer (94 Prozent) und doch so weltoffen, dass sie kürzlich einen homosexuellen Kommunisten zum Präsidenten der Region gewählt hat. Das Salento bietet die richtige Kombination aus lokal und global. "Dorf des Friedens" oder "Nicht-OGM-Gemeinde" steht über den Ortsschildern, was heißt, dass der Gemeinderat dort sich gegen organismi geneticamente modificati, also genmanipulierte Landwirtschaftsprodukte ausgesprochen hat. Die Oliven sollen bleiben, wie sie sind. Nicht, dass Genmanipulation das drängende Thema in apulischen Gemeinderäten wäre. Aber man will doch Stellung beziehen in globalen Debatten. Und die Tradition gehört verteidigt, schließlich ist sie das wichtigste Exportgut.

Neuerdings gehört dazu auch die aus arabisch-griechischen Einflüssen entwachsene Ethnomusik, jene Pizzica ("Stich"), zu der die Salentiner, Männer wie Frauen, wie von der Tarantel gestochen, loslegen. Gruppen wie Sud Sound System und Mascarimirì füllen mit der Pizzica Tarantata und Salento-Raggae die Konzerthallen in Norditalien, aber zu den Patronatsfesten des Salento treten auch sie immer noch auf. Flirrend wie die Julihitze über der Ebene, verwirrend wie das Labyrinth ihrer Straßen, versetzt die Musik dann die Gemeinde in Trance. "Wir danken dem heiligen Rochus und dem heiligen Vitus" haben Mascarimirì (Madonna mia, im Dialekt) auf die Hülle ihrer neuen CD geschrieben, die jedes Salento-Schaf in Lebensgefahr bringen könnte, wenn man sie im Auto hört.

Uli Leitner kann sich noch gut daran erinnern, wie sie in Otranto auf der Straße handbemalte Stoffe verkaufte. Eine Menge Künstler gab es hier schon vor 25 Jahren, als sie ihrem Mann Amleto Sozzo aus Südtirol ins Salento folgte. "Nur die Kundschaft ließ ein bisschen auf sich warten." Inzwischen haben die beiden ein Geschäft für Ulis Kleider und Amletos Bilder. "Die Norditaliener rennen uns die Bude ein. Manche Kundinnen wollen mich überzeugen, meine Sachen an Boutiquen in ihren Heimatstädten zu liefern." Aber Signora Leitner bleibt lieber ihr eigener Chef. Und Amleto hat auf die gemeinsame Visitenkarte geschrieben: "Wenn du einen Freund suchst, achte nicht darauf, ob er schwarz oder weiß ist." So viel politisch korrekte Toleranz zieht viele magisch an.

Sich öffnen, ohne sich zu verändern, ist die Vorgabe im Salento. Und so sucht man zwischen den weithin berühmten Barockbauten der Provinzhauptstadt Lecce vergebens Fast-Food-Restaurants oder Filialen der großen Modemarken. Stattdessen finden sich Steinmetze, die aus honiggelbem Tuffstein moderne Schalen und Schmuck herstellen, und Trattorien, die ihr Essen im Dialekt anbieten. Orecchiette (Öhrchen-Nudeln) mit scharfem Ricotta oder Pferdefleisch-Ragout zum Beispiel.

Es ist ein heißer Abend in Lecce, um die 30 Grad noch nach Sonnenuntergang. Scharen von Mauerseglern fliegen im Sturzflug die vom Tageslicht erhitzten Fassaden ab. Auf dem Domplatz feiert der Bischof sein 25-jähriges Amtsjubiläum. Orden und Bruderschaften haben sich unter dem goldenen Bischofsthron versammelt, ihre Zahl ist beeindruckend. Seit im 17. Jahrhundert die reichen Feudalherren des Salento Lecce zur repräsentativen Kapitale ausbauten, hat die Verbindung zwischen Honoratioren und Kirche fest gehalten. Im Convento dei Celestini gleich neben der grandiosen Basilika von Santa Croce residiert die Provinzverwaltung. Zeitgleich zum Bischofsjubiläum feiert im Kloster-Innenhof eine Tanzschule ihren Abschlussball, die Mütter in klassischen, tief ausgeschnittenen Kostümen, die Väter bewaffnet mit Digitalkameras. Im Sommer bleiben die Leute von Lecce unter sich. Die Touristen sind lieber draußen am Meer. Zwei Stunden dauert auf dem Domplatz die Messe, dann umarmt und küsst der Bischof jeden einzelnen Gast. Kein Lufthauch weht. Erst gegen Mitternacht geht die Festgemeinde nach Hause, da gleicht der leere Platz in seiner architektonischen Grandezza und Perfektion einer Kulisse. Die Mauersegler haben Fledermäusen Platz gemacht.

Finis Terrae, das Ende der Welt, kann dem Paradies sehr nahe sein. Ein paar Kilometer nördlich von Otranto muss man dem Instinkt mehr vertrauen als den Hinweisschildern, die gibt es nämlich nicht. Ein schmaler Weg, der in einem Pinienwald aufhört. Das Rauschen des Meeres. Ein Pfad über der Felsenkante. Da liegt sie schon, die Adria, schimmernd in durchsichtigstem Blau, changierend zwischen Kobalt und Türkis, glatt wie Seide. Die Adria! Der kleine Strand mit schneeweißem Sand heißt Baia dei Turchi. Es gibt eine kleine Badeanstalt mit Sonnenschirmvermietung, aber ohne Toilette. Ansonsten ist hier Wildnis. In die Felsen sind dämonische Fratzen gekratzt, Visionen vielleicht der Pizzica, vielleicht auch nur eines frühzeitlichen Sonnenstichs. Am Ende der Welt das perfekte Meer. Italiens sauberste Strände liegen im Salento, sagen die Umweltschützer.

Die Straße zum Cap ist so spektakulär wie die Amalfitana, nur eben leer