Gewunden führt die Straße nach Santa Maria di Leuca, zum Cap. Eine der schönsten Straßen im Land, spektakulär wie die Amalfitana, mit Oleanderbüschen und frisch gestrichenen Villen aus der Jahrhundertwende gesäumt, doch unbekannt und leer. Nur ein paar Radfahrer sind unterwegs – das Salento, der ordentlichste und properste Landstrich des sonst so chaotischen Mezzogiorno, ist voller Radwege. Links unten gibt es famose Meeresgrotten, die man nur mit dem Boot erfahren kann – das nächste Mal.

Ins Salento kehrt man nicht zurück, sagen die Leute hier, man entdeckt es nur immer wieder neu. Am Cap steht eine Kirche. Santa Maria de Finibus Terrae wurde schon im Jahr 343 von Papst Julius I. geweiht und im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zerstört. Johannes Paul II. verlieh der schlichten Barockkirche den Titel einer päpstlichen Basilika, sie ist ein wichtiger Wallfahrtsort. Wer ins Paradies will, muss hier vorbei, sagt eine Legende. Vor der Pforte, hoch auf dem Felsen über Mar Ionio und Mar Adriatico, gibt es eine Kaffeebar, deren Espresso wahrscheinlich noch zum Fegefeuer gehört.

Das Ionische Meer beginnt mit einer Felsküste, auf der riesige Büsche von Thymian wachsen. Vor Gallipoli kommt der Sand, kommen Kilometer von Stränden, und es kommt die Unordnung. Planlose Bebauung, dieser Teil des Salento ist zu schnell gewachsen, wurde in Windeseile hochgezogen, auf einen Strom von Touristen hoffend, der noch nicht eingetroffen ist. Für den Massentourismus ist das Salento zu abgelegen, sind seine Straßen nicht breit genug und seine Städte zu klein.

Gallipoli liegt auf einer Halbinsel im Ionischen Meer. "Ganz weiß, unter der Sonne schwitzend wie eine Stadt an der Küste Nordafrikas", bemerkte Gabriele D’Annunzio. Damals, 1895, fanden sich in Gallipoli schon die ersten Spuren des Radical Chic. Jetzt ist dieses merkwürdige, im Wasser schwimmende Städtchen, in dem alle Straßen zum Meer führen, als feudo des früheren Ministerpräsidenten Massimo D’Alema bekannt, der hier zuerst nur den Urlaub verbrachte und dann seinen Wahlkreis einrichtete, obwohl er eigentlich in Rom zu Hause ist. Der Exkommunist D’Alema und seine Freunde machten Gallipoli zum neuen Traumhafen der italienischen Linken, und als der rote Massimo eine weiße Segelyacht in Gallipoli vor Anker legte, war ein weiteres Tabu gebrochen – ein Kommunist leistete sich das Statussymbol von Großkapitalisten wie Agnelli und Berlusconi. Fortan schaut Italien im Sommer auf Gallipoli: Mit welchem Freund oder Gegner speist D’Alema im Hafenrestaurant, welche Koalitionen werden dort geschmiedet, welche gesprengt?

Noch aber hat das Parlament keine Ferien. Auf dem Hafenkai sitzen Fischer und flicken die Netze. Manche schleppen ihr Handwerkszeug lieber in den kühlen Schatten ihrer Wohnküche, denn auf Gallipoli, da hat der alte Dandy D’Annunzio Recht, brennt erbarmungslos die Sonne. Ein Scherenschleifer radelt durch die Gassen, Großväter fahren ihre Enkel auf der Vespa spazieren, es ist zu heiß heute für den Helm. Im Kreuzgang von San Domenico spielt eine junge Frau Klavier. Und im Caffè Sport unweit der Kathedrale versammeln sich die Alten. Ihre Schirmmützen haben sie tief in den Nacken geschoben, die Sportzeitung ist ausgelesen und ausdiskutiert, nun sind die Touristinnen dran. Jede, die vorbeikommt, bekommt ein Schnalzen, einen nicht immer jugendfreien Kommentar. Für die Opas am Ende der Welt ist das ihr Stück vom Paradies.