Anfang März hatte Angela Merkel ehemalige Berufskollegen zu Besuch. Die Spitze der deutschen Physiker, Nobelpreisträger inklusive, traf sich mit der christdemokratischen Parteivorsitzenden zum Meinungsaustausch. Die Physiker brachten ein Buch über Einstein mit, die CDU-Chefin dankte mit dem Bekenntnis, Forschung und Bildung in Deutschland stärken zu wollen. Konkreter wurde Merkel nicht. Aber die "logische und direkte Art zu argumentieren", sagt Roland Sauerbrey, blieb den Wissenschaftlern in Erinnerung: "Da merkte man", so der Vizepräsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, "dass sie uns nahe steht."

Es könnte der Beginn einer langen, fruchtbaren Liaison werden: eine neue christdemokratische Bundesregierung und die Wissenschaft. Sollte Angela Merkel die im Oktober angepeilte Wahl gewinnen, stünde erstmals eine Naturwissenschaftlerin an der Spitze der Regierung. Eine promovierte Physikerin, die sich zum 50.Geburtstag den Hirnforscher Wolf Singer als Festredner bestellt.

Eine künftige christdemokratische Bundesregierung würde exzellente Bedingungen vorfinden, um in Wissenschaft und Bildung etwas zu bewegen. Niemals zuvor war der Konsens in Deutschland so groß, dass Wissen der wichtigste Schatz des Landes ist und massive Investitionen notwendig sind, um diesen zu heben. Investitionen in die deutsche Forschung, die weltweit nur noch im Mittelfeld rangiert; in die Universitäten, wo sich im Schnitt zwei Studenten auf einem Studienplatz drängeln; in die Schulen, wo die Chancen auf Bildung so ungerecht verteilt sind wie in keinem anderen Industrieland; in die Kindergärten, deren Pädagogik weit vom internationalen Standard entfernt ist.

Gewinnt die CDU Berlin, verfügte sie über ein faktisches Bildungsmonopol in Deutschland. In allen großen Flächenländern regieren Christdemokraten über Schulen und Universitäten. Der Krieg zwischen Bund und Ländern um Konzepte und Kompetenzen, der viele Fortschritte in den vergangenen Jahren lähmte, wird beendet sein. Der Weg wäre frei für eine Wissenspolitik aus einem Guss. Wenn die CDU es denn könnte und wollte.

Doch im Vergleich zu den strahlenden Aussichten droht die Praxis blass zu bleiben. Personell hat die Bundes-CDU in der Bildungs- und Forschungspolitik (wie die anderen Parteien übrigens auch) wenig zu bieten. Für große, vom Bund angestoßene Initiativen fehlt das Geld und – was noch gravierender ist – der Wille.

Eine Milliarde mehr für die Forschung! Doch woher soll sie kommen?

Nichts zeigt dies deutlicher als das am Montag vorgestellte CDU-Programm. So konkret es an manchen Stellen der Sozial- und Wirtschaftspolitik auch sein mag, auf dem Feld von Bildung und Wissenschaft bleibt es konturlos und phrasenhaft. In Punkto Ideenarmut kann es spielend mit dem SPD-Wahlmanifest konkurrieren. Zwar grüßt die "Wissensgesellschaft" gleich im ersten Satz der Wahlagenda, und die "Innovation" schmückt die erste Überschrift des Maßnahmenkatalogs. Auf den nächsten 43 Seiten folgen jedoch nur ein paar allgemeine Ausführungen zur Beackerung der bekannten Technologiefelder, allen voran jener Wissenschaftsdisziplinen, die mit Bio…, Nano… oder Info… beginnen. Einzig das Bekenntnis zur grünen Gentechnik und zur Kernforschung könnte so nicht auch in einem rot-grünen Regierungsprogramm stehen.

Am konkretesten werden die Ankündigungen, wenn die CDU jährlich eine zusätzliche Milliarde für Forschung und Entwicklung aus dem Subventionsabbau verheißt. Welche Staatsbeihilfen dafür wegfallen sollen, darüber schweigt das Programm jedoch. Die Eigenheimzulage, der sozialdemokratische Dauerbrenner für die Finanzierung einer besseren Bildungswelt, kann es nicht sein. Das Baugeld ist schon für den Kinderbonus bei der Rente ausgegeben. Weitere Milliarden für Schulen und Hochschulen sollen aus dem Teil der zusätzlichen Mehrwertsteuer fließen, der an die Länder geht. So verspricht es die CDU-Spitze. Es ist eine hohle Verheißung, denn kein Dokument bindet die Länderfürsten daran.