Ob man den "Gewerkschafts-Rollgriff" kenne, fragt Hartmut Knupp. Und während er am Telefon erklärt, kann man sich den alten Metaller aus Remscheid vorstellen, wie er über dem Schreibtisch eine ausholende Armbewegung macht, um das, was dort liegt, in eine Tasche zu schaufeln. Den "Rollgriff" jedenfalls machten manche Betriebsräte früher, vor zwei, drei Jahrzehnten, nach Sitzungen mit den Geschäftsführern, nach denen noch Zigarren und Zigaretten auf den Tischen standen. Was übrig blieb, wurde eingesteckt.

War das korrupt? Beeinflussung durch den Klassengegner? Der erste Schritt zur Kumpanei?

Hartmut Knupp ist seit 47 Jahren in der IG Metall und Chef der Gewerkschaft in Remscheid-Solingen. In früheren Gesprächen hat er sich oft als "Comanager" bezeichnet und war stolz darauf: stolz darauf, gemeinsam mit den Bossen für den Erhalt von Jobs gestritten und für ein besseres Klima in den Betrieben gesorgt zu haben. "Heute", sagt er, "gehe ich wieder zu einem. Natürlich trinke ich erst mal einen Kaffe mit ihm. Darf ich das nicht mehr?"

Verunsicherung, aber auch knurrige Wut: Das erfährt, wer sich in diesen Tagen unter Gewerkschaftern und Betriebsräten umhört. Was bei VW passierte, hallt in den Firmen nach. "Enttäuscht, entrüstet, entsetzt" sei er, sagt Wilfried Stenz, Betriebsratsvorsitzender beim Weißblech-Hersteller Rasselstein-Hoesch in Andernach. Miele-Betriebsratschef Peter Krüger hofft, dass "sich viele meiner Kollegen nun darauf besinnen, wer sie wofür gewählt hat".

Keiner glaubt, dass es unter den über 100000 deutschen Betriebsräten mehr als ein paar schwarze Schafe gibt, die sich ähnlich verhalten wie der VW-Mann Klaus Volkert mit seiner Firmenbeteiligung und seinen möglichen Reiseprivilegien. Aber jeder weiß, dass es Anfechtungen gibt. "Der Dienstwagen zum Beispiel", sagt Krüger. "Ich habe keinen."

Der normale Betriebsrat in einer normalen deutschen Firma wird nicht gut bezahlt. 250000 Euro im Jahr, wie sie für Volkert kolportiert werden, sind selbst in Großbetrieben unvorstellbar. Erich Klemm etwa, Betriebsratschef bei DaimlerChrysler, erhält ein Abteilungsleitergehalt plus Überstundenpauschale – aber keine für Führungskräfte übliche Tantieme. Walter Bauer, sein Kollege bei Robert Bosch, ist noch heute in der gleichen Lohngruppe, in der er vor mehr als 20 Jahren als Werkzeugmacher Betriebsrat wurde. Bauers weithin bekannte Bescheidenheit ist Gesetz auch für das von ihm geleitete Gremium: Als kürzlich der Bosch-Gesamtbetriebsrat in der Nähe des bayerischen Ansbach tagte, zahlten die Kollegen "44 Euro für Übernachtung mit Frühstück". Bauers Urteil: "Das ist angemessen."

Wie wäre es mit einer Art Kodex, der sagt, was geht und was nicht?

Wer so denkt, braucht Prinzipien. Standfestigkeit. Und Moral. "Natürlich" gebe es Gefahren, wenn man mit der anderen Seite immer wieder zusammenhocke, sagt Miele-Mann Krüger. Betriebsräte müssten deshalb wissen, dass sie in erster Linie "Manager der Belegschaft sind und ihre Interessen zu vertreten haben". Das sei das Wichtigste.