Der Notausgang ist mit riesigen Paketen verstellt

Zeit für eine zweite Kontrolle bei der russischen Tupolew, wo inzwischen alle Passagiere ungeduldig auf den Abflug warten. Die Economy-Kabine ist mit über 100 Fluggästen bis auf den letzten Platz gefüllt, Enge und stickige Luft heizen die Atmosphäre zusätzlich auf. Die LBA-Prüfer stoßen schon auf Unwillen, als sie den Passagieren am mittleren Notausgang klar machen, dass sie ihr ausladendes Handgepäck nicht unter dem eigenen Sitz verstauen dürfen. Beim Umpacken kommen Weinbrand- und Krimsektflaschen zutage.

Knäblein und Doberschütz gehen zielstrebig weiter nach ganz hinten – hier befinden sich direkt vor den Triebwerken auf beiden Seiten Notausgänge. Zwischen den Sitzen und der Bordwand ist viel Platz, doch der wurde mit riesigen Paketen und Rollkoffern verstellt. Vor einem Notausgang sitzt ein Kind – alles eklatante Verstöße gegen jede Vorschrift, doch die Besatzung unternimmt nichts. "Wir haben die Passagiere ja gefragt, aber die reagieren nicht", sagt kleinlaut die Purserin. Jetzt spulen die beiden Beamten einen kleinen Vortrag über Flugsicherheit ab. "Entweder Sie entfernen Ihre Tasche von dort, oder Sie steigen aus", erklärt Detlev Doberschütz einer widerspenstigen Reisenden. Ihr Rollenkoffer wiegt 20 Kilo und wird in den Frachtraum gebracht, ebenso wie anderes Gepäck, bis die Ausgänge frei sind. "Das ist nicht in Ordnung, Sie sind hier in einem russischen Flugzeug", protestiert ein russischer Passagier gegen die deutsche Behördenmacht, aber die ignoriert den Zwischenruf. Zum Abschied an der Gangway sagt Reinhard Knäblein der Kabinenchefin: "Wenn Sie heute einen Startabbruch mit Triebwerksbrand hätten, können Sie sich ja vorstellen, wie viele hier lebend rausgekommen wären bei den Zuständen, vielleicht 40 von den 125 Menschen an Bord." Tatiana Petrova nickt betreten. Die Tupolew startet problemlos.

Ein- bis zweimal im Jahr überprüft die Task Force Liniengesellschaften aus EU- und Drittstaaten, drei- bis viermal sollte es bei Charterfirmen sein. Allein 2004 allerdings wurde 953 ausländischen Gesellschaften der Einflug erlaubt. Die Arbeit der Kontrolleure gleicht der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. "Gegen die Masse kommt man kaum an, das sind Stichproben und keine Tiefenprüfungen", sagt auch Reinhard Knäblein. Viele in der Branche halten das LBA für hoffnungslos überfordert, während etwa die Behörden in den USA und Kanada ein sehr effizientes System praktizieren: Eine Fluggesellschaft, die dorthin fliegen will, muss sich zuvor auf eigene Kosten von den zuständigen Behörden im Heimatland auf Flugtauglichkeit prüfen lassen. Die Arbeit der deutschen Task Force dagegen bleibt bei aller Planung dem Zufall unterworfen. Kommt eine bestimmte Gesellschaft wie vorgesehen am geplanten Tag zum geplanten Flughafen oder nicht? Flugzeuge können ihr Ziel schnell ändern, zwei Beamte im Kleinbus mit Zuständigkeit für ganz Nord- und Ostdeutschland nicht.

"Wer will schon mit Dschingis Khan fliegen?", fragt Detlev Doberschütz einige Tage später am Einsatzort Berlin-Tegel. Heute steht die Überprüfung eines Airbus A310 der mongolischen Staatsgesellschaft Miat auf dem Plan, die regelmäßig aus der Hauptstadt Ulan-Bator via Moskau Berlin ansteuert. Von außen glänzt der 15 Jahre alte ehemalige Lufthansa-Jet in makellos neuem Anstrich. Er ist das einzige Großraumflugzeug der Miat und heißt tatsächlich Chinggis Khaan. Aus seinen Vorbehalten gegen die mongolische Gesellschaft macht Doberschütz keinen Hehl, er selbst würde da als Passagier nicht gern einsteigen. An Bord werden seine Bedenken auch bald bestätigt. Niemand kontrolliert das ein- und aussteigende Personal, obwohl die so genannte Eigensicherung des Flugzeugs vorgeschrieben ist. In der Kabine, die Charme und Komfort der achtziger Jahre versprüht, gibt es nur einen Verbandskasten anstelle der vorgeschriebenen drei. Allerdings hat jede Stewardess noch ein kleines Notpäckchen dabei, damit ist das LBA zufrieden.

Den Wetterbericht einzuholen, haben die Piloten versäumt